Spätsommergefühl

wir machten bienen aus unseren körpern

Und als wir den Bienen ein neues Zuhause gaben

mit unseren Körpern

Ein neues zu Hause gaben

Und sie in uns hineinfliegen ließen

Und sie in uns hineinstechen ließen

Und kleine anaphylaktische Schocks auslösen ließen in uns

Um unsere Körper zu testen

Bevor noch der Winter kommt

Oder um unsere Eltern zu testen

Bevor noch der Winter kommt

Und wie sie darauf reagieren würden

wenn unsere Arme und Beine und Körper plötzlich

anzuschwellen begännen

wenn wir wie riesige anaphylaktische Ballone würden

die hinaustrieben bis in die Stratosphäre

und das Wetter beeinflussten

und das Klima beeinflussten

beim Durchstoßen der Cumuluswolken

mit ganz viel Bienen in uns drin

die wir retten wollten

vor Glyphosat, Bayer und Monsanto

oder dem Winter

der kommen wird

mit Apis C200

und diesem Gedicht

summ summ summ, summen wir

in uns drin

vor dem Bienensterben

Advertisements

26.10.2018 / 20 Uhr / „I love Russlandamerika and Russlandamerika loves me“ – Supermacht-Projektions-Show

mit Kurt Mondaugen (Spoken Word Poetry), Simone Weißenfels (piano/sound) und Fotografien aus dem Dia-Archiv der Künstlerin Susanne Wehr

Pressefoto Russlandamerika_klein

„Wenn unsere Realitätsgefühle digital werden und mit Photoshop beliebig manipulierbar und wenn gleichzeitig die Roten Telefone der Supermächte wieder zu klingeln beginnen und einen neuen Kalten Krieg einläuten, wird es Zeit für analoge Völkerverständigung und dafür, sich an die wirklichen Bilder der Vergangenheit und Zukunft zu erinnern: Welcome to Russlandamerika!“

In einer politisch wie ästhetisch waghalsigen Dia-Doppelprojektionsshow surft der Leipziger Performer, Philosoph und Autor Kurt Mondaugen (aka Rainer Totzke) mit Spoken-Word-Poetry und elektrischen Sounds durch die touristischen Russland-Amerika-Bilder der 60er und 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts – auf den Spuren seines eigenen Vaters und anderer Amateur-Diafotograf_innen aus Ost- und Westdeutschland, die in jenen Jahren beiderseits des Eisernen Vorhangs die beiden Supermächte bereist und mit Cannon und Praktika zur allgemeinen Entspannung beigetragen haben. Die Show greift auf das riesige Bildreservoir anonymer Diafotografien zurück, das die Berliner Künstlerin Susanne Wehr in den letzten 20 Jahren gesammelt und archiviert hat. Texte und Bilder, Russland und Amerika, Vergangenheit und Gegenwart überblenden sich multimedial. Und der Sound der Leipziger Experimentalmusikerin Simone Weißenfels erzeugt magische Interferenzen zwischen den Supermachtphantasien quer durch Raum und Zeit. – Oder wie Beuys immer sagte: „I love Russlandamerika and Russlandamerika loves me.“ Anschließend kontroverse Diskussion.

Eine Veranstaltung im Rahmen des Leipziger Literarischen Herbstes 2018.

Beginn 20 Uhr / Noch besser leben / leipzig

Epistemische Lichtverhältnisse

Foto4711_001_001_001

„Wir können nicht mit völligem Zweifel anfangen. Wir müssen mit all den Vorurteilen beginnen, die wir wirklich haben, wenn wir mit dem Studium der Philosophie anfangen. Diese Vorurteile sind nicht durch eine Maxime zu beseitigen, denn es handelt sich bei ihnen um Dinge, bei denen wir gar nicht auf den Gedanken kommen, daß wir sie in Frage stellen könnten. Also wird dieser Von-vornherein-Skeptizismus [Descartes’] eine bloße Selbsttäuschung sein und kein wirklicher Zweifel; und niemand, der die cartesianische Methode befolgt, wird eher zufrieden sein, als er bisher alle jene Überzeugungen förmlich wieder entdeckt hat, die er der Form nach aufgegeben hat. Der cartesianische Zweifel ist daher eine ebenso nutzlose Vorbereitung, wie wenn ich zum Nordpol reisen würde, indem ich geradewegs auf einem Längengrad hinunterginge.“ (Charles Sanders Peirce, CP 5.264)

„Dollmetscherin der religiösen Vorstellungen“ – oder: warum man Dinge eben so macht

LSK MB Januar 2016

„Die Kunst nun aber ist deshalb die erste näher gestaltende Dollmetscherin der religiösen Vorstellungen, weil die prosaische Betrachtung der gegenständlichen Welt sich erst geltend macht, wenn der Mensch in sich als geistiges Selbst-bewußtseyn sich von der Unmittelbarkeit frei gekämpft hat, und derselben in dieser Freiheit, in welcher er die Objektivität als eine bloße Aeußerlichkeit verständig aufnimmt, gegenübersteht.“ (Goerg Friedrich Wilhelm Hegel)

Schamanismustheoriepraxistestkritik

puck123

Der Mensch macht die Religion, die Religion macht nicht den Menschen. Und zwar ist die Religion das Selbstbewußtsein und das Selbstgefühl des Menschen, der sich selbst entweder noch nicht erworben oder schon wieder verloren hat. Aber der Mensch, das ist kein abstraktes, außer der Welt hockendes Wesen. Der Mensch, das ist die Welt des Menschen, Staat, Sozietät. Dieser Staat, diese Sozietät produzieren die Religion, ein verkehrtes Weltbewußtsein, weil sie eine verkehrte Welt sind. Die Religion ist die allgemeine Theorie dieser Welt, ihr enzyklopädisches Kompendium, ihre Logik in populärer Form, ihr spiritualistischer Point-d’honneur |Ehrenpunkt|, ihr Enthusiasmus, ihre moralische Sanktion, ihre feierliche Ergänzung, ihr allgemeiner Trost- und Rechtfertigungsgrund. Sie ist die phantastische Verwirklichung des menschlichen Wesens, weil das menschliche Wesen keine wahre Wirklichkeit besitzt. Der Kampf gegen die Religion ist also mittelbar der Kampf gegen jene Welt, deren geistiges Aroma die Religion ist.

Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volkes.

Die Aufhebung der Religion als des illusorischen Glücks des Volkes ist die Forderung seines wirklichen Glücks. Die Forderung, die Illusionen über seinen Zustand aufzugeben, ist die Forderung, einen Zustand aufzugeben, der der Illusionen bedarf. Die Kritik der Religion ist also im Keim die Kritik des Jammertales, dessen Heiligenschein die Religion ist.

Die Kritik hat die imaginären Blumen an der Kette zerpflückt, nicht damit der Mensch die phantasielose, trostlose Kette trage, sondern damit er die Kette abwerfe und die lebendige Blume breche. Die Kritik der Religion enttäuscht den Menschen, damit er denke, handle, seine Wirklichkeit gestalte wie ein enttäuschter, zu Verstand gekommener Mensch, damit er sich um sich selbst und damit um seine wirkliche Sonne bewege. Die Religion ist nur die illusorische Sonne, die sich um den Menschen bewegt, solange er sich nicht um sich selbst bewegt.

Es ist also die Aufgabe der Geschichte, nachdem das Jenseits der Wahrheit verschwunden ist, die Wahrheit des Diesseits zu etablieren. Es ist zunächst die Aufgabe der Philosophie, die im Dienste der Geschichte steht, nachdem die Heiligengestalt der menschlichen Selbstentfremdung entlarvt ist, die Selbstentfremdung in ihren unheiligen Gestalten zu entlarven. Die Kritik des Himmels verwandelt sich damit in die Kritik der Erde, die Kritik der Religion in die Kritik des Rechts, die Kritik der Theologie in die Kritik der Politik.

(Karl Marx: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie)

 

Das letzte Tipi meines Lebens

Schamane_Vogelfedern

Das letzte Tipi meines Lebens

es bestand aus Kortison und Morphium

und es wurde unten am Fluss errichtet

für mich, genau da, wo es brannte

sagte die Ärztin

in der Dämmerung

nicht zu löschen

der Schmerz kennt keine Verwandten

sagte sie immer

diese alte Indianerin der Zeit

mit Palliativstimme

oder das Morphium

ich weiß es nicht mehr so genau

und meine Kinder kamen noch einmal

vorbei, um mich zu besuchen

auf ihren wilden Präriepferden

und sie zeigten mir ihre neuesten,

Tablets und Mokassins

und ihre Zeugnisse

und was aus ihnen werden würde eines Tages

ich versuchte es herauszulesen

aus ihren Gesichtern

aus der Dämmerung

dort wo es brannte

und auch du kamst vorbei, Liebste

legtest Beifuss auf meinen Bauch

küsstest mich noch einmal

eine halbe Ewigkeit

an allen längst vergessenen

Stellen meines Körpers

Und ich lag dann mit dir im letzten Tipi meines Lebens

Und dann kam noch der große Geist und drückte mir die Augen zu

Bis zum nächsten Mal, Kurt

sagtet ihr alle

(aus: Kurt Mondaugen: „Leipzig/Nirwana“, Leipziger Literaturverlag 2015)