Lockdown Tagebuch / Kurt Mondaugen

Tag 1

1. November. „Fahr mal runter, Alter“, sagt der Lockdown, tritt durch die Tür und fletzt sich mit einer Tüte Chips neben mich auf die Couch. „& Willkommen zur November-Blues-Schocktherapie! Gleiches heilt Gleiches: Demotivationstraining mit dem Corona-Virus!“ Der Lockdown grinst. –  Na mal sehen, denke ich, ob das hilft.

Tag 7

Der Lockdown und ich sitzen noch immer zusammen auf meiner Couch. Seit 48 Stunden schauen wir uns wieder und wieder verwackelte Amateur-Videos auf Youtube an. Darin tanzen 80.000 hygienebefreite Menschen euphorische um den Leipziger Innenstadt-Ring. Und irgendwann stelle ich mir vor, wie es wäre, später wirklich einmal frei zu sein und in einem Corona-Leugner-Aussteiger-Programmen zu leben. – „Wie damals in den 80ern die Reste der RAF in der DDR“, sagt der Lockdown, „nur harmloser.“ – So, so. Der Lockdown kann also meine Gedanken lesen.

Tag 11

Der Lockdown und ich spielen Homeoffice. Es ist Faschingsbeginn. Um 11.11 Uhr verkleidet sich mein Lockdown als Powerpoint-Folie mit den neuesten Fallzahlen des RKI. – „Sehr, sehr witzig“, sage ich. Aber die Powerpoint-Folie murmelt, sie könne nichts dafür und schüttet mir ihr bürokratisches Herz aus. Und sie weint ein bisschen. Und um sie zu trösten, schütte auch ich ihr mein bürokratisches Herz aus – mit den eigenen krassesten Absturz-Fallzahlen meines Lebens. Und ich denke, wie schön es wäre, eines Tages selber als Powerpoint-Folie weiterzuleben, die ich mit Euch teile gegen den Novemberblues – na ja oder auch nicht. Was man so denkt nach 11 Tagen Homeoffice, man wird langsam ein bisschen crazy. – „Steuerung Alt entfernen“ sagt der Lockdown. – Danke!

Tag 23

Der Lockdown tut so, als wäre er inzwischen mein persönlicher Coach, und befiehlt: November-Blues hin oder her, ich solle jetzt einfach mal rausgehen. – Auf der Sachsenbrücke treffe ich zufällig oder auch nicht zufällig meine Exfreundin oder On/Off-Freundin oder Hypnotherapeutin Natascha-Lou, je nach dem. Mal sehen, was geht, denken wir beide ganz impulsiv gegen die Lockdown-Einsamkeit, und kauern uns nebeneinander auf die Brücke. Und wir beide erinnern uns sofort zurück an den ersten Lockdown im März: Zwei übereifrige berittene sächsische Polizisten kamen damals vorbei und fragten uns, als wir hier an derselben Stelle saßen, ob wir beide zusammen in einem Haushalt leben würden. „Ähem… – nein“, antworteten wir damals wahrheitsgetreu. – „Oder seid Ihr wenigstens eine Lebenspartnerschaft?“ bohrten die Polizisten von ihren Pferden herab weiter, und es klang schon ein bisschen bedrohlich. Natascha-Lou und ich schauten uns unsicher an, dann nickten wir: „Ja, wir sind eine Lebenspartnerschaft“ riefen wir unisono. Wir wollten ja nicht ins Gefängnis. Und die Polizisten nickten auch und galoppierten zufrieden davon. – „Lockdowns bringen irgendwie mehr Verbindlichkeit in unsere Beziehung“, sagte Natascha-Lou damals und grinste, „meinst du nicht auch, Kurt?“ – Und wie wird es dieses Mal sein, Natascha-Lou?

Tag 27

Ich bin irgendwie mürrisch. Der Lockdown auf der Couch neben mir merkt das und sagt, ich solle mich mal nicht so haben oder wenigstens ein bisschen ästhetische Distanz aufbauen zu ihm. Und er liest mir zur Aufmunterung aus dem Briefwechsel irgendwelcher krassen Frühromantiker vor: „Alles geschieht in der Welt der Poesie wegen, die Geschichte ist der allgemeinste Ausdruck dafür, das Schicksal führt das große Schauspiel auf. – Achim von Arnim an Clemens Brentano am 9. Juli 1802.“ – Was soll ich dazu sagen?

Tag 31

„Der November ist vorbei, du kannst gehen“, sage ich und halte dem Lockdown meine Wohnungstür auf. – „He, mach das Brett zu, es zieht. Dein Demotivationstraining ist definitiv noch nicht zu Ende“, ruft mein Lockdown von der Couch herüber, „ – wir müssen deinem Lebens-Blues erst noch richtig auf den Grund gehen, Kurt. Gleiches heilt Gleiches, du weißt doch. Ich bin dein Coach, vertrau mir!“ Und mein Lockdown verkündet mir offiziell seine Verlängerung.

Tag 39

Alle Dinge um mich rum gehen einfach nicht mehr zum Friseur in diesem Lockdown, und sie verlieren allmählich ihre Fasson, verlieren wirklich ihre Fasson, so wie ich, das erleichtert einiges, denke ich, man toleriert mehr und man wird auch mehr toleriert in den Unterhosen-Zoom-Sitzungen aus dem Home-Office, oder man kauft sich für seinen Rechner second hand immer schlechter funktionierende externe Kameras oder man verpixelt sich absichtlich immer mehr, damit die Kolleg*innen nicht sehen, wie krass abgefuckt man inzwischen schon aussieht oder damit sie einen nicht zufällig irgendwann mit Reinhold Messner verwechseln. „Dieser Lockdown ist so was wie die Jogginghose für meine Haare“, sage ich meiner Chefin, als sie mich bei einem Video-Call darauf anspricht und grinse. Und als ZOOM-Hintergrundbild wähle ich ab jetzt immer die Villa vom toten Karl Lagerfeld an der Cote d’Azur.

Tag 43

Es ist 2. Advent. „Die Zahl der Neuinfektionen erklimmt ihren ultimativen Spannungs-Schwippbogen voraussichtlich zu Weihnachten“, verkündet Professor Wieler in den Tagesthemen, stelle ich mir vor – wie die Menschen im Erzgebirge. – „Darüber macht man keine Witze“, murmelt Natascha-Lou, die zum Kaffeetrinken vorbeigekommen ist, weil mein Lockdown-Coach sie angerufen hat, weil es mir angeblich ziemlich schlecht geht und weil ich es angeblich nicht zugeben will. Oder weil mein Lockdown sich selber für Natascha-Lou interessiert, denke ich und sperre ihn vorsorglich in den Besenschrank. Aber dann sitzt er doch mit uns zusammen um den Adventskranz, schlägt sich den Bauch mit Pulsnitzer Lebkuchen voll und flirtet mit Natascha-Lou. Wir alle leben in Ersatzhandlungen, denke ich, sogar der Lockdown.

Tag 46

Natascha-Lou kommt jetzt wieder öfter vorbei. Ich weiß noch immer nicht, ob es wegen mir ist oder wegen meines Lockdowns. Am Abend sitzen wir jedenfalls zu dritt mit mehreren Literflaschen Eierlikör bei mir auf der Couch, während der Adventskranz flimmert und diskutieren über Corona-Sprachmetaphysik und wie Sars Cov 2 nicht nur in unsere Körper, sondern zunehmend auch in unsere Sprache einzudringen beginnt und under Cover an all unsere Wörter andockt, die wir verwenden. Und dass alles, was wir von jetzt an sagen und denken und voneinander hören, schon längst infiziert ist irgendwie, und auch wenn wir es nicht merken, merken wir es doch: dass die ganze verdammte Corona-Sprache uns mehr und mehr fremdsteuert seit Wochen oder Monaten – uns von nichts anderem mehr reden lässt und uns keine anderen Metaphern mehr übrig lässt außer Inzidenzwerte und Wahrscheinlichkeitswolken der Ausbreitung des Infektionsgeschehens, die über uns hinwegdriften wie die Nachrichten der nächsten Tagesschau. Fuck!

Tag 47

Corona Sprachmetaphysik II

Heute, morgen, als Natascha-Lou und mein Lockdown noch schlafen, habe ich ein Gedicht geschrieben. Es heißt „Risikogruppenexistenzialismus“ und ich lese es ihnen vor, als sie aufwachen. Es geht so:

Risikogruppenexistenzialismus

In Akkusativobjekten leben: wer wen angesteckt hat usw.

in Inzidenzien leben

in Realitäten und Fluchten

in Flüchen und in trockenen Tüchern von

Intensivbetten

intubiert

In Transparenz &

in Optionen und Derivaten

in mathematischen Vorhersagen

& einmal sogar vielleicht noch

in Putin leben &

in Schallah

in Stahlgewittern &

im Kommunistischen Manifest von gestern

in Youtube-Vorträgen über The Great Reset, CIA & Bilderberg &

in Gottes Namen

in terstellar & am liebsten noch einmal

in allem leben –

alles in allem

leben und alles

auch noch einmal tiefer verstehen dabei

wie Batman, der das Corona-Virus brachte

oder wie ein Georg-Trakl-Gedicht aus der Schule

oder wie ein existentialistisches Redemanuskript

von diesem Michael Ballweg

Das wünschen wir uns

in den Schlauchlabyrinthen der Atemnotmaschinen

in der letzten Nacht

unserer Lungen

vor ihrer Hinrichtung

wir wissen ja auch nicht weiter

& ob wir das jetzt hier so sagen dürfen

Eure Risikogruppe

Tag 54:

Seit der Lockdown bei mir eingezogen ist, rufe ich jeden Tag meine Mutter und meinen dementen Vater an. Sie sind in der Risikogruppe, und ich kann sie nicht besuchen. Und seit 1. Dezember singen wir zusammen telefonisch verfremdete Weihnachtslieder, jeden Tag ein anderes – hin und zurückgekoppelt durch die morsche Fernsprechleitung von Leipzig nach Herne Nord ins Ruhrgebiet. Seniorenresidenz Abendsonne. Und wir berühren wirklich unsere Herzen damit. Heiligabend sind wir durch mit allem. – Wie soll es nun weitergehen?

Tag 61

Silvester. Das Jahr geht zu Ende. Immer neue Virusmutationen verstellten den Blick auf das Geschehen. Ich glaube, ich werde wirklich noch irre.

Tag 63

Heute haben wir zum ersten Mal ein telefonisches Frühlingslied gesungen, meine Mutter, mein Vater, mein Lockdown und ich: „Komm Lieber Mai und mache“ – schon am 2. Januar. Mal sehen, was das jetzt meteorologisch bringt.

Tag 64

Es schneit. – Ich schaue aus dem Fenster, denke an uns alle hier und schreibe ein meteorologisches Schamanen-Gedicht. Es heißt: „Schnee allein“ und geht so:

Schnee allein

Dem Schnee fällt immer etwas ein

er fällt und fällt

auf uns herein

und wir auf ihn

im Lockdownfall

und wissen auch nicht weiter

der Schnee der Schnee

allein

weiß immer weißer

Tag 65:

Nochmal Lockdown-Verlängerung im Anmarsch, sagt das Bundeskanzleramt, sagt auch der Lockdown auf meiner Couch. Ich werde wirklich langsam verrückt, sage ich. Home-Office-Blues XXL! Ich rufe Natascha-Lou an, um mich über die radikalen Therapiemethoden meines Lockdowns zu beschweren. Natascha-Lou sagt, sie könne mich verstehen, und ich solle jetzt am besten mal was tun, um meine Resilienz zu stärken. Als alter Agnostiker könne ich ja zum Beispiel einfach mal anfangen, an irgendwas zu glauben. Oder für irgendwas zu brennen, für was auch immer. „Einfach, um aus deinem seelischen Loch rauszukommen, Kurt.“ – Ich schalte das Telefon aus und beschließe kurzerhand, einfach mal an Homöopathie zu glauben oder an Allopathie mit Hydroxychloroquinoder noch besser: an das Impfen. – Und ich beschließe, sogar dafür zu brennen!

Tag 66

Pharmatraum

Ich habe nur wirres Zeug geträumt. Wie seit Wochen. Ich würde heute gern ein Gedicht schreiben, habe ich geträumt, das wie eine Schutzimpfung für uns alle wäre, eine kleine DADA-poetische Schutzimpfung, die stabile Antikörper ausbilden könnte auf unseren Lungenlappen und Schleimhäuten. Und ich würde schöne poetische Wörter erfinden dabei für all diese ganzen neuen Impfpräparate von Astrazeneca, Moderna, Sinovac, BioNtec oder Pfizer. Ja, ich würde als Poetry-Man-der-Stunde die schönsten Versprechens-Impfwörter der Welt erfinden, träume ich, damit die Menschen mehr Vertrauen fassten in die Leistungen der modernen Apotheken-Wissenschaft. – So wie die Russen das schon immer machen – träume ich – die sind ja die ultimativen Cracks in der weltweiten Impfstoffpoesie. – Das muss denen im Blut liegen. Kein Wunder: die hatten ja auch Puschkin und Majakowski! denke ich im Traum. Und deshalb können die so krass nice Poesie-Namen erfinden für ihre Impfstoffe wie Sputnik 5 zum Beispiel oder Nowichock 2020. – Das würde vielleicht wirklich die Impf-Zustimmungsrate in Deutschland erhöhen, wenn mir in diesem Traum auch so eine krasse DADA-Namens-Poesie für die ganzen neuen Impf-Präparate gelänge, denke ich. Oder vielleicht doch nicht? – Vielleicht reichen auch schon einfach die Namen der entsprechenden Pharmakonzerne aus, um daraus ein passables DADA-Gedicht zu performen, so wie dieses hier – DOPPELPUNKT: – träume ich, und sage dann dieses Gedicht auf, bei dem ich dann aber zur Sicherheit doch erstmal mit dem Namen einer Biermarke anfange und auch mit einer Biermarke aufhöre, um das deutsche Volk auch wirklich auf meine Seite zu bringen mit meinen Poetry-Lines – DOPPELPUNKT also:

Astra-Astra, Zenecastra

Moderna und Sinovac

Biontech-Pfizer ach wie krass da-

mit bashen wir Corona weg

All diese Pharma-Namen, träume ich, die wir seit Wochen kollektiv auswendig lernen, weil sie uns mit ihren Impfstoffen endlich in die Freiheit oder ins nächste Jahrtausend beamen werden als Menschheit und uns die tiefsten Träume erfüllen werden eines Tages: Endlich wieder ein Punkkonzert besuchen zu können zum Beispiel, träume ich, und dass ich das nie gedacht hätte, träume ich, dass ich mal eine Hymne auf die weltweite Pharmaindustrie dichten würde, oder in froher Erwartung ein Impfzentrum auf dem örtlichen Marktplatz betreten werde demnächst, wo Jens Spahn mich eigenhändig begrüßen und mir die Hand schütteln wird und mir dann einen Chip unter die Haut spritzt, mit dem ich von nun an alle Geheimdienste der Welt und die Bundesregierung kontrollieren kann – oder umgekehrt. All das habe ich geträumt heute Nacht. Und ich lese diesen Traum Natascha-Lou am Telefon vor, so als wäre er echt. Aber sie sagt, so wäre das eigentlich nicht gemeint gewesen mit dem An-was-glauben und Für-was-brennen. Und ich solle mal wieder runterkommen von meinem Psycho-Trip. Aber da bricht die Verbindung bricht ab. Und dann kommt Lockdown-Tag 67 und ich fliege als Schamane nach Washington zum Capitol, um die neue Weltordnung zu verhindern. Donald Trump hat gerufen und ich bin offenbar wirklich verrückt geworden.

Tag 68

Mein persönlicher Lockdown und Natascha-Lou haben mich in letzter Sekunde aus dem Capitol wieder zurück nach Hause auf die Couch verfrachtet. Ich stehe unter Schock, und um mich abzulenken, sagt mein Lockdown: „Stelle dir vor, wie es wäre, irgendwann in einem Corona-Leugner-Aussteiger-Programmen zu leben.“

– „Wie damals in den 80ern die Reste der RAF in der DDR“, antworte ich, „- nur harmloser!“ Und gehe ins Bett.

Tag 80

Ich erwache. Mein Lockdown und Natascha-Lou sitzen Händchen-haltend bei mir auf der Couch und sagen: Ich soll das alles mal lieber nicht so persönlich nehmen. Und ich könnte ja auch einfach in der 3. Person weiterleben, dort wo es möglich wäre zumindest, sagen sie. Mein Lockdown und Natascha-Lou scheinen inzwischen ein Paar geworden zu sein. Und ich bin vermutlich ab jetzt wirklich nur die 3. Person. Da muss ich jetzt einfach durch.

Tag 87

Mein Realitätssinn kehrt zurück, erzähle ich meinem Lockdown und Natascha-Lou. Ich habe geträumt: Ich bin bei einer Zoom-Sitzung plötzlich eingefroren, weil mein WLAN abschmiert, und als es sich wieder hochruckelt, bin ich auf einmal zugeschaltet zu einer fetten ZOOM-Session des Weltwirtschaftsforum Davos. Und alle Weltwirtschaftskapitäne starren mich an, weil ich jetzt sogar in der Sprecheransicht bin, und ich nutze die Gelegenheit und halte vor den 200 VIPs der Welt spontan eine Stehgreif-DADA-Rede über die Kunst des Artensterbens. Sie verstehen mich nicht, jedenfalls handeln sie nicht danach. Wie immer in den letzten 100 Jahren. Sagt auch Greta Thunberg und holt mich auf den Boden der Realität zurück und wofür es sich zu kämpfen lohnt. Zynismus war noch nie eine Lösung, sagt sie. Und dann ist der Traum zu Ende.

Tag 100

Die ersten 100 Tage sind vorbei, sagt mein Lockdown und grinst und versucht mich aufzumuntern und liest mir ein paar Zeilen von Albert Camus vor: „Die Kunst ist der Abstand, den die Zeit dem Leiden gibt.“

„Danke“, sage ich, „darüber muss ich nachdenken.“

Tag 108 bis 111:

Natascha Lou hat mir den therapeutischen Tipp gegeben, es doch mal mit dem Schreiben eines Lockdown-Romans zu versuchen. Ich beginne sofort damit.Drei Tage und Nächte lang läuft es auch ganz gut. Aber plötzlich, am vierten Tag, irgendwann abends, verliere ich den Faden und die Lust, und ich kriege den Social-Distance-Blues und gehe runter auf den Hof und setze mich mit meinen angefangenen Romanfiguren ans Lagerfeuer.

Und wir trinken eine Flasche Whisky zusammen oder zwei und erzählen uns gegenseitig Gespenstergeschichten aus unserem fadenscheinigen Leben. Und als es so richtig gruselig wird, kommt eine der weiblichen Hauptfiguren zu mir rüber und fängt an, mir über meine endlos-lockdown-verlängerten Locken zu streichen. Und irgendwann flüsterte sie mir ihren Namen ins Ohr. Undich flüsterte zurück: „Ja, ich weiß, ich habe Dich ja erfunden, Corinna Corona“, und ich grinse sie an.

Und Corinna grinst zurück und sagt, sie hätte mich ja auch nur erfunden – „Was man halt so macht aus Langeweile, wenn der Home-Office-Blues einen überschwemmt, Kurt.“ Und dass das mit der Realität ja gerade sowieso so eine Sache wäre, wer da in wessen Corona-Roman leben und eine Rolle spielen würde und wer dabei wirklich den Durchblick hätte und wer eher nicht, sagt sie auch noch.

„Ja, und je länger die Sache dauert“, antworte ich, „umso mehr Leute flüchten sich in irgendwelche krass-postmodernen Lockdown-Roman-Plots darüber, wer hier in dieser Welt von wem über die Wirklichkeit getäuscht wird und seit wann und warum. Und ob es mit der Gründung der WHO oder der Federal Reserve, oder der Russischen Revolution und Trotzki oder Deng Xiao Ping oder den Freimaurern angefangen hat oder mit den Illuminaten oder den ‚Novemberverbrechern‘ oder doch schon mit oder Dan Brown oder Dieter Nuhr!“

„Oder mit Platon“ ruft Corinna Corona, rollt ihre Augen, und holt Ockhams Rasiermesser raus. Und sie schlägt vor, wir sollten versuchen, uns selbst und unseren Romanfiguren gegenseitig die Pulsadern aufzuschneiden, um nachzuschauen, was an ihnen oder an uns wirklich echt wäre und was nur Fake. Und wir machen es auch. Und es fließt auch ein bisschen Blut, aber nicht viel, und tropft ins Lagerfeuer. Und weil es wieder zu schneien beginnt, torkeln Corinna und ich schließlich nach oben – in meine oder in ihre Wohnung. Und im Bad kleben wir uns gegenseitig kleine Trostpflaster auf unsere geöffneten Pulsadern. Und zu einem alten Blues-Song von John Lee Hooker beginnt Corinna Corona dann plötzlich, ihre Sachen abzustreifen, die ich ihr irgendwann am Anfang meines Romans so behutsam angezogen habe, und dann streift sie mir meine Sachen ab, die sie mir am Anfang ihres Romans so mühsam angezogen hat, und wir landen zusammen – na ja – je nach Realität – in ihrer oder meiner Badewanne.

„Äh, ich weiß nicht, ob das jetzt wirklich richtig ist“, murmele ich in diesem Moment, „– Man braucht immer einen gewissen Abstand zu seinen Romanfiguren, Corinna, – hab‘ ich mal in einem Roman-Schreib-Ratgeber gelesen, sonst kann man am Ende seine eigenen Gefühle nicht mehr richtig auseinanderhalten und die Leser ihre auch nicht.“

Aber Corinna Corona grinst nur: „Das mit den Lesern wird sowieso überbewertet, wer will schon Lockdown-Romane lesen später, wenn alles vorbei ist?! – Und im Übrigen ist das hier wahrscheinlich alles sowieso nur Projektion gerade zwischen uns. – Lass uns einfach das Beste daraus machen, Kurt.“

Und so hat wirklich alles noch einmal ganz neu anfangen in diesem Lock-Down-Roman – mit einem Blues von John Lee Hooker, Ockhams Rasiermesser und den Weiten der Badewanne.

Tag 112

Natascha-Lou sagt: „Kurt, das ist alles nur in deinem Kopf.“ Wie immer.

Usw.

(Eine Kurzfassung des Tagebuchs als Video ist Bestandteil der Home Edition der Lesebühne Schkeuditzer Kreuz vom Feburar 2021: https://www.youtube.com/watch?v=q2Kz8pvoXPI&t=3s )

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Risikogruppenexistenzialismus – ein Corona-Gedicht

In Akkusativobjekten leben: wer wen angesteckt hat usw.

in Inzidenzien leben

in Realitäten und Fluchten

in Flüchen und in trockenen Tüchern von

Intensivbetten

intubiert

In Transparenz &

in Optionen und Derivaten

in mathematischen Vorhersagen

& einmal sogar vielleicht noch

in Putin leben &

in Schallah

in Stahlgewittern &

im Kommunistischen Manifest von gestern

in Youtube-Vorträgen über The Great Reset, CIA & Bilderberg &

in Gottes Namen

in terstellar & am liebsten noch einmal

in allem leben –

alles in allem

leben und alles

auch noch einmal tiefer verstehen dabei

wie Batman, der das Corona-Virus brachte

oder wie ein Georg-Trakl-Gedicht aus der Schule

oder wie ein existentialistisches Redemanuskript

von diesem Michael Ballweg

Das wünschen wir uns

in den Schlauchlabyrinthen der Atemnotmaschinen

in der letzten Nacht

unserer Lungen

vor ihrer Hinrichtung

wir wissen ja auch nicht weiter

& ob wir das jetzt hier so sagen dürfen

Eure Risikogruppe

Die zweite Welle oder: Loslassen ist der Weg zu allem

  Sie erwarten mich gleich im Backstage hinter der Bühne. Sie tragen lange schwarze Ledermäntel und dunkle Sonnenbrillen oder sie haben gefiederte Kleider an, Krähenaugen, Tiermasken und Geweihe überm Kopf. Schwelende Räucherbündel in ihren Händen
 „Kurt“, murmeln sie mit kehligem Obertonsound, „Kurt, nu‘ ist aber mal gut“, murmeln sie, „ – nu‘ ist aber mal gut mit deinem ganzen literatur-schamanistischem Kaspertheater da vorn auf der Bühne immer – und mit deiner fucking Ironie dabei auch!“ Und ob ich noch immer nicht begriffen hätte, dass uns allen die zweite Welle bevorstünde, obertongurgeln sie hinterher und dass sie mich deshalb jetzt mitnehmen würden und: Nein! – Sie seien nicht das Kommando Spezialkräfte des Leipziger Gesundheitsamtes, und sie seien auch nicht vom Sächsischen Verfassungsschutz, sondern einfach nur Abgesandte der Schamanistischen Internationale! Und warum sie mich mitnehmen würden? – Um aus mir verdammt noch mal endlich einen richtigen Schamanen zu machen – „einen, der nicht immer nur sinnlose Quatsch-Rituale zelebriert, Kurt, sondern einen, der es versteht, die richtigen schamanischen Schutz-Zeichen in die Luft zu taggen und der auch die richtigen Räucherstäbchen verwendet dabei und der die Menschen auf echte schamanische Seelenreisen mitzunehmen vermag, auf Reisen, die ihnen wirklich helfen, diese irre Gegenwart zu überstehen. – Kapiert, Kurt?“ 
 Und all die gefiederten Zaubermänner und Zauberfrauen im Backstage meines Lebens schauen mich etwas bedrohlich an. Und dass es in diesen Zeiten gerade Leute wie mich bräuchte, um die Welt zu heilen, obertönen sie weiter in meine Richtung und dass keine Widerrede möglich sei. Und dabei nebeln sie mich ein in gigantische Beifuß-Schwaden, bis ich zu husten und zu röcheln anfange als hätte ich Corona, und sie schleppen mich zu ihrem spirituellen Ford-Transit-Transporter mit Dieselantrieb im Hinterhof, und dann verliere ich das Bewusstsein.
  
 Ich wache auf in einem stillgelegten Hangar auf dem Flughafen Schkeuditz. Um mich herum im grellen Neonlicht mehrere hundert weitere Beifuß-vernebelt dreinblickende displaced Persons.
 Ein Knacksen in der Lautsprecheranlage. Alle schauen nach vorn – auf die zur Rednertribüne umgebaute Pilotenkanzel eines abgewrackten Lufthansa-Airbus. Dort steht mit Jogginghose, Fellweste und Joseph-Beuys-Hut eine wundersame Art Schamanin: „Die Geister mögen mit Euch sein! Herzlich willkommen liebe Ex-Mitarbeiter*innen von Tui-Fly und Lufthansa, Piloten, Boden- und Bordpersonal und liebe sonstigen Luftikusse, die wir letzte Nacht in Leipzig und Umgebung auftreiben konnten zu diesem Schamanenfluggrundkurs 1a und b – einer Umschulungsmaßnahme des Arbeitsamtes Schkeuditz in Kooperation mit Lufthansa, finanziert vom Bundesamt für Luftfahrt und Umweltschutz. Innerhalb der nächsten 24 Stunden werden Sie alle mit unserer Hilfe hier nicht nur Ihren Kleinen Schamanenflugschein machen, sondern wir werden Sie darüber hinaus zu zertifizierten spirituellen Flugbegleiter*innen und Seelenreise-Coaches ausbilden. Und damit übergebe ich das Wort an den Bundespräsidenten!“
 Und tatsächlich schwebt plötzlich auf reichlich schamanistische Weise der Astralleib von Frank Walter Steinmeier aus dem Off in den Hangar und landet auf der Tribüne. Der Bundespräsident rückt seine Brille zurecht, zündet feierlich die bereitstehende Räucherkerze eines original-erzgebirgischen Schamanen-Rachermännels an, hält das Männel beschwörend vor sich in die Luft und räuspert sich wie bei einem Staatsbesuch: „Ja, Leute, ungewöhnliche Zeiten verlangen ungewöhnliche Maßnahmen. Corona und Klimawandel zwingen uns zum ökologischen Umbau unserer gesamten Luftfahrt- und Tourismusindustrie. Unsere Bürger werden jetzt und in Zukunft nie wieder so viel mit dem Flugzeug durch die Welt jetten können wie früher. Pandemie hin, ökologischer Fußabdruck her. Gleichzeitig wissen wir aber alle, dass gerade wir Deutschen dasjenige Volk sind, das schon seit alters her das größte seelische Fernweh hat. Anders gesagt: gerade wir Deutschen sind am meisten von allen Völkern dieser Erde auf touristische Fernreisen angewiesen, weil wir es zu Hause auf Dauer einfach nicht mit nur unseresgleichen aushalten. Das hat uns die Geschichte gelehrt: Dank des Aufbaus einer florierenden Passagierflug- und Tourismus-Industrie konnten wir unser urdeutsches metaphysisches Fernweh in den letzten 75 Jahren glücklicherweise vor allem mit zivilen Mitteln realisieren, während wir uns noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bei unseren Ausflügen über unsere Landesgrenzen hinweg regelmäßig immer kollektiv in Uniformen gezwängt und Und morgen die ganze Welt! gebrüllt haben. Nun ja, und damit eben das nicht wieder vorkommt, müssen wir unseren deutschen Staatsbürgern jetzt in Zeiten von Corona und Klimawandel eben neue Arten von Reisen ermöglichen: Schamanenreisen zum Beispiel! Nach Innen geht der Weg, Leute!“ donnert die Stimme des Bundespräsidenten ein Novalis-Zitat durch den trostlos neongelb flimmernden Hangar. „Auf zur großen Umschulung!“ Und dann entschwebt Steinmeiers Astralleib ebenso unverständlich aus dem Hangar, wie er gekommen ist.
 Und ich denke Drogen! Das alles hier muss irgendwas mit Drogen zu tun haben, ohne Drogen kann ich mir nicht erklären, was ich hier gerade erlebe, und Steinmeier ist vermutlich der Boss der deutschen Peyote-Mafia! 
 „Nein, das alles hier hat nichts mit Drogen zu tun,“ fährt vorne die Jogginghosen-Schamanin fort, als hätte sie meine Gedanken gelesen, „das alles hier ist real! – Und ich verspreche Ihnen: Sie alle hier im Raum werden innerhalb der nächsten zwölf Stunden lernen, genauso astrein durch den Raum zu fliegen wie der Bundespräsident da eben. Und nach 24 Stunden werden Sie es sogar anderen Menschen beizubringen vermögen und sie bei ihren Seelenflügen begleiten. Und mit diesen Skills kann dann jede und jeder von Ihnen ab übermorgen sein eigenes schamanistisches Reisebüro in Mockau, Großpösna oder in der Leipziger Innenstadt aufmachen. Peace, Love and Understanding – How!“
 Und fast wie bei Harry Potter erscheinen plötzlich hunderte fliegende Schamanentrainer*innen über unseren Köpfen und jede/r greift sich einen der verängstigten Umschüler und zerrt ihn oder sie zur Ausbildung in die Lüfte und jagt mit ihnen aus dem Hangar raus in die Nacht. 
 Nur ich bleibe übrig und starre irritiert in die leere Halle, als die Rednerin vorn auf der Pilotenkanzel durch eine unscheinbare magische Bewegung ihrer Finger ihren Körper plötzlich in eine rotierende Bewegung versetzt, sich in die Luft erhebt und wie ein Pfeil auf mich zugeschossen kommt. 
 Sie landet direkt 20 Zentimeter vor meinem Gesicht, schaut mir sieben Minuten lang in die Augen – Hypnotherapie. „Na dann wollen wir mal, Kurt“ sagt sie schließlich und legt den Beuys-Hut neben sich auf den Boden. Dann streift sie die Fellweste ab. Darunter kommt ein martialisch bluttriefendes Death-Metal-T-Shirt um Vorschein Auf dem steht fett mit rotem Horrorschriftzug: „Loslassen ist der Weg zu allem!“ 
  
 „Witziges T-Shirt!“ murmele ich und grinse verkrampft, um etwas Leichtigkeit in die Sache zu bringen, so wie immer im Leben, wenn ich mich seelisch in die Ecke gedrängt fühle. 
 Aber die Schamanin schlägt mein humoriges Kommunikationsangebot aus:  „So: die Ausbildung für den Kleinen Schamanenflugschein umfasst zwei Transformationsstufen, die zum Seelenflugbegleiter dann noch eine dritte“, doziert sie vollkommen ironiefrei, „ – genauer gesagt geht es um drei Loslass-Übungen – und das Ziel der Übungen ist… na, Kurt? – Du hast doch so viel Ethnologie-Bücher über Schamanismus gelesen: Was ist das Ziel der Loslass-Übungen bei der Schamanenausbildung?“
 Ich verspüre jetzt doch eine gewisse Ironie in der Stimme meiner Trainerin und starre sie unsicher an: „Vielleicht: Das Ego muss sterben“, murmele ich.
 „Ja, bla, bla: ‚Das Ego muss sterben!‘ – Vielleicht! – Aber das ist nur ein Satz, den dein Kopf sagt, Kurt! – Aber noch nicht deine Seele und auch noch nicht dein Körper! Die sind alle noch total verpanzert – deine Soul und dein Body auch! Was wir deshalb zuerst machen müssen, ist: dich zu öffnen, dich wirklich zu öffnen. Und die Öffnung geschieht über die Angst: Das ist die erste Übung für alle Schamanenanwärter*innen dieser Welt, dass man Euch radikal Eurer Angst ausliefert. Wir Trainer*innen nennen diese Übung die Schwimm-zum-Krokodil-Übung. Und sie findet heute Nacht auf unserem Outdoor-Trainingsgelände ein paar Kilometer südlich von hier am Fluss Unstrut statt. Da fliegen wir jetzt hin.“ Und schon klemmt mich die Schamanin wie eine Spielzeugpuppe unter ihre Achseln und wir jagen aus dem Hangar hinaus unter den Sternhimmel und dann dem aufgehenden Mond entgegen Richtung Süden. Irgendwann höre und sehe ich tatsächlich die Unstrut ein paar Meter unter mir plätschern. Ist ja wild romantisch eigentlich, denke ich, so ein nächtlicher Ausflug in der warmen Achselhöhle eine Schamanen-Frau mitten in einer silbernen Oktobermondnacht, denke ich. Bis ich etwas genauer hinsehe, warum denn das Wasser da unter uns so fröhlich vor sich hinplätschert. Dann denke ich den romantischen Quatsch nicht mehr, denn unter uns blitzen hunderte spitze weiße Zähne in langen Reihen im Mondlicht und ab und schnappen sie sogar nach oben zu uns hinauf. 
 „So Kurt, dann ist es jetzt so weit, die Schwimm-zum Krokodil-Übung beginnt. – Ich erwarte Dich dann in fünf Minuten drüben am Ufer, oder was von Dir übrig geblieben ist wenigstens. Bei 3 geht’s los. Viel Glück.“ Und sie lockert bereits ein ganz klein wenig ihre Achselmuskeln, mit denen sie mich noch immer zwei, drei Meter über der Wasserfläche und über den gierigen Krokodilmäulern in der Luft festhält. Schon zählt sie den krassesten Angst-Countdown meines Lebens runter: 3-2-1- … und dann lässt sie mich wirklich – fallen!
  
 Fünf Minuten später schwemmen die Reste meines Egos tatsächlich prustend und röchelnd drüben am Ufer des Flusses an, wo die Schamanentrainerin mich schon feixend erwartet: „Na Kurt, alter Literaturschamane, haste mit den Krokodilen Friedenspfeife geraucht und ihnen was von Novalis oder Carlos Castaneda vorgelesen unterwegs?“ 
 „Fuck“, schreie ich, „ich hätte sterben können! – Steck Dir Deine verdammte Ironie sonstwo hin!“   Aber die Trainerin bleibt ganz ruhig: „Kurt, sprich mir einfach nur nach: Das Ego muss sterben, damit wir leben können!“  
 „Das Ego muss sterben, damit wir leben können!“ röchle ich und kotze mit dem letzten Wort einen halben Eimer Wasser vor die Füße der Schamanin. 
 „Na, wir kommen der Sache also näher“, reagiert diese ganz gechillt – „Dann auf zur zweiten Übung, Kurt! Wir nennen sie die Die-Abstandsregeln-beachten-Challenge!“ Und die Trainerin zerrt mich auf ein schmales Plateau 50 Meter oberhalb des Flussufers. Oben wirft sie den Scheinwerfer ihres magischen dritten Auges auf der Stirn an und funzelt damit durch die Dunkelheit, bis der Lichtkegel sich auf ein großes mit Goldfolie umwickeltes Papprohr fokussiert, das da irgendwo auf dem Boden rumliegt.
 „Na was ist das denn?“ fragt die Schamanin scheinheilig.
 „Ein Hipster-Didgeridoo-aus Plagwitz“ murmele ich, „hab ich selbst mal gebaut so’n Prototyp.“ 
 „Wissen wir doch alles, Kurt! – Aber schau mal genau hin: Fällt dir was auf?
 „Nö, is‘n bisschen angegammelt inzwischen vielleicht das Didgeridoo.“
 „Na, schau mal auf die Länge.“
 „Was ist mit der Länge?“
 „Na, wie lang ist das Didgeridoo denn?“
 „1,50 oder 2 Meter vielleicht“, sage ich 
 „Na – und?! – Macht es Click?“
 „Nö!“
 „Mann, Junge, Kurt – die Krokodile haben dir wohl die falschen Synapsen im Gehirn weggefressen: 1,50 bis 2 Meter – das sind genau die Corona-Abstandsregeln. Klaro?“
 „Klaro – aber was bitteschön haben die Corona-Abstandsregeln jetzt mit Schamanismus zu tun? Soll ich mehr Social Distancing wahren gegenüber ironischen oder zynischen Trainerinnen?“ Ich grinse unsicher.
 „Nein Kurt – die schamanistische Hauptbotschaft lautet nicht: Praktiziere mehr Social Distancing zu anderen Menschen, sondern: Praktiziere more social distancing zu dir selbst, Alter! Mit Hilfe dieses goldenen Rohres wirst du jetzt lernen, in Distanz zu deiner eigenen Biographie zu gehen, Kurt!“
 Und der Morgen dämmert, und sie gibt mir sieben kleine gesichtslose Voodoopupen in die Hand und jede Puppe steht für eine Rolle die ich in meinem Leben gespielt habe oder noch immer spiele – Sohn, Vater, Philosoph, Streuobstgärtner, Lebenspartner in drei gescheiterten Beziehungen, Anti-Monsanto-Aktivist, und als letztes muss ich auch noch die letzte Voodoopuppe mit meiner Rolle als Literaturschamane Kurt Mondaugen in Didgeridoo-Abstandsweite hinter mir ablegen und mich von ihr verabschieden. Und gerade in diesem Moment geht die Sonne auf. – Krasses Timing!
 „Und, wie fühlst du dich, Kurt? Wer bist du jetzt, wo du alle deine Rollen hinter dir gelassen hast?“ 
 „Niemand“ sage ich – und denke: Niemand ist definitiv immer die beste Antwort, die man in unübersichtlichen Situationen geben sollte, wie Odysseus vor 3000 Jahren als er bei den einäugigen Zyklopen zu Gast war und genau diese Antwort ihm am Ende das Leben rettete.
 Und ich schaue meine Trainerin an: Wenn sie ihr Stirn-Chakra als Taschenlampe leuchten lässt – sieht sie da nicht wirklich ein bisschen aus wie der einäugige Zyklop Polyphem, und erinnert sie mich nicht andererseits auch ein bisschen an meine letzte therapeutische Freundin Natascha-Lou Salomé.
 „Hör auf zu träumen!“ ruft die Schamanin zu mir rüber. „Schlag jetzt lieber mal mit deinen Flügeln!“ Welche Flügel?, denke ich und wedele etwas genervt mit den Armen.  „Wowowowow!“ höre ich mich schreien und schwebe schon vier – acht – zwanzig Meter schräg links weg nach oben in die Luft und immer weiter. 
 „Was ist das denn!?“ schreie ich und presse meine Arme vor Schreck eng an meinen Körper, wodurch ich aber höhenmäßig krass absacke und dabei dem Flusspegel samt Krokodilzähnen gefährlich nahe komme. – „Um Gottes willen!“ – Mit den nächsten drei kräftigen Flügelschlägen bin ich schon in der unteren Stratosphäre, was aber irgendwie auch nicht cool ist, oder jedenfalls „cool“ nur in einem sehr wörtlichen und wegen der Eiseskälte ungemein schmerzhaften Sinne. Und ich lasse mich aus 10.000 Metern schnell wieder runtergleiten auf nur ungefähr 50 Meter mittlere Schamanenflughöhe überm Unstruttal. Geil, denke ich, wird ja immer besser, denke ich und drehe mich auf den Rücken, schwurbele ein paar Loopings und lande grinsend wieder neben meiner Trainerin. 
 „Na, geht doch“ sagt sie lapidar und hängt mir eine einzelne silberne Krähenfeder an einem schmalen Lederband um den Hals, nicht ohne mich dabei bedeutungsschwanger auf die Stirn zu küssen und zu raunen: „Herzlichen Glückwunsch, Kurt, zum Kleinen Schamanenflugschein 1a. Und damit kommen wir auch schon zum entscheidenden dritten Teil deiner Ausbildung. Sie wird dich befähigen, in Zukunft selber als schamanischer Seelenflugbegleiter für andere Menschen zu arbeiten und den Corona-bedingten Tourismus-Amok in Deutschland zu verhindern. Wir nennen diesen dritten Teil der Übung die Novalis- oder etwas vulgärer auch die Grufti-Challenge. Bei der Übung geht es darum, dem eigenen Tod zu begegnen und ihn mit Poesie zu überwinden. Dazu muss ich dich jetzt in diesem Sarg dort drüben stecken und dich samt Kiste 12 Meter tief in die Erde eingraben. Und erst nach genau 12 Stunden, wenn die Sonne da drüben schon längst wieder untergegangen ist, darf ich dich wieder ausbuddeln. Ein Hinweis schon mal vorab: Teil dir die Luft da unten im Sarg gut ein! Sie reicht normalerweise genau aus für diese 12 Stunden – aber nur wenn man ganz normal atmet und nicht hyperventiliert oder in Todesangst rumschreit. Und du hast außerdem noch eine Aufgabe während dieser 12 Stunden: Du musst dir in deinem Grab da unten ein eigenes überzeugenden Gedicht zum Thema Loslassen und Sterben ausdenken. Und wenn ich dich dann in 12 Stunden wieder ausbuddele und aus deinem Sarg raushole, wird hier oben neben mir die offizielle Gutachter-Kommission der Schamanistische Internationale stehen. Und sie werden dich – Gesetz den Fall, du lebst noch – dazu auffordern, Ihnen dein selbstausgedachtes Sterbe-Gedicht vorzutragen! – Aber ich warne Dich, wenn dein Gedicht die Kommissionsmitglieder nicht berührt, dann muss ich Dich für den zweiten Versuch nochmal 12 Stunden in die Erde versenken und immer so weiter – manche Novizen graben wir hier an der Unstrut schon seit hundert Jahren immer wieder ein und aus, aber manche von Euch Menschen werden wohl nie echte Poetry Slammer, nicht mal unterirdische. Na ja!“
 Und mit diesen Worten fesselt mich die Schamanin im Handumdrehen an Händen und Füßen, stopft mich in den Sarg und vergräbt mich wie angedroht mit einem Zauberspaten 12 Meter tief in den Hügel. 
 In welchen krass apokalyptischen Panikzuständen ich die nächsten 12 Stunden verbringe, das will niemand von Euch wirklich genauer wissen, und das überspringe ich jetzt deshalb lieber. Jedenfalls buddelt mich meine Schamanen-Trainerin irgendwann nach Sonnenuntergang doch wieder aus der Erde, und ich lebe auch tatsächlich noch irgendwie und japse wie ein Hund als die Trainerin den Sargdeckel öffnet. Sie sieht jetzt noch ein bisschen mehr aus wie meine Ex-Therapeutin Natascha-Lou. Aber ich kann da nicht lange drüber nachdenken, denn vor mir steht die zwölfköpfige schamanistische Prüfungskommission: „So und nun sagen Sie mal fix Ihr Gedicht auf, Herr Mondaugen! Wir haben hier nicht ewig Zeit!“ Und ich stelle mich mit zitternden Beinen neben meinen Sarg und rezitiere das kurz vorm Koma ausgedachte erste ultimative Loslass- und Sterbegedicht meines Lebens. Es heißt:
 
 Das letzte Tipi meines Lebens
  
 Das letzte Tipi meines Lebens
 es bestand aus Kortison und Morphium
 und es wurde unten am Fluss errichtet
 für mich, genau da, wo es brannte 
 sagte die Ärztin
 in der Dämmerung 
 nicht zu löschen 
 der Schmerz kennt keine Verwandten
 sagte sie immer
 diese alte Indianerin der Zeit
 mit Palliativstimme
 oder das Morphium 
 ich weiß es nicht mehr so genau
 und meine Kinder kamen noch einmal
 vorbei, um mich zu besuchen
 auf ihren wilden Präriepferden 
 und sie zeigten mir ihre neuesten, 
 Tablets und Mokassins 
 und ihre Zeugnisse
 und was aus ihnen werden würde eines Tages
 ich versuchte es herauszulesen
 aus ihren Gesichtern 
 aus der Dämmerung 
 dort wo es brannte
 und auch du kamst vorbei, Liebste
 legtest Beifuss auf meinen Bauch 
 küsstest mich noch einmal
 eine halbe Ewigkeit
 an allen längst vergessenen
 Stellen meines Körpers
 Und ich lag dann mit dir im letzten Tipi meines Lebens
 Und dann kam noch der große Geist und drückte mir die Augen zu
 Bis zum nächsten Mal, Kurt
 sagtet ihr alle – How!
  
  
 Und am nächsten Tag eröffne ich zusammen mit ein paar anderen durchgekommenen Prüflingen im ehemaligen Karstadt-Gebäude in der Leipziger Innenstadt  das erste sächsische Schamanenflugausbildungs- und -reisebüro für Endverbraucher. Und wir nennen es: Die zweite Welle oder:  Das Leben ist Kontaktverfolgung!
  
   

„Schöner verschwören!“ – Verschwörungstheoriefestival ab 15. Mai hier online

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„Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er phantasiert!“ skandierte einst Friedrich Schiller und schrieb anschließend die Ode an die Freude. – Aus aktuellem Anlass veranstaltet das Schamanismusfestival deshalb in Zusammenarbeit mit Widerstand 2020 und der Konstruktivistischen Internationale vom 15. Mai bis 15. Juni hier auf dieser Webseite das erste offizielle deutschsprachige Verschwörungstheoriefestival. Unter Beachtung aller Regeln der gehobenen ontologischen Toleranz werden von einer hochkarätigen Fachjury unter allen Einsendungen die wahrhaft berauschendsten und phantasiebeflügelndsten Verschwörungstheorien ausgewählt und veröffentlicht.  Alles ist erlaubt, was die Phantasieorgien Tolkiens daneben verblassen lässt. Möge die ästhetische Einbildungskraft fröhlich kapriolisieren! Oder um es mit Bruno Latour zu sagen: Heraus zum „freien Gebrauch kraftvoller Erklärungsmuster aus dem sozialen Nirgendwo“! Go! Wir haben die Kunst, damit wir an der Verschwörung nicht zugrunde gehen! Usw. – Bewerbungen bis 31. Mai an: deus@absconditus.de

Bruno Latour_ Elend der Kritik

Das Team von schamanismusfestival.wordpress.com wünscht eine gute Reise.

German Angst / Stroh zu Gold spinnen oder: Placebos für alle

Selbsterfahrungsbericht von Kurt Mondaugen – vorgetragen am 11. März 2020 bei der letzten Vor-Corona-Lockdown-Ausgabe der Lesebühne Schkeuditzer Kreuz sowie am 26. März 2020 im Rahmen des Livestreamcamp des Noch besser leben:

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„Herzlich willkommen meine Damen und Herren, wir sitzen hier heute zusammen, weil es aus Sicht der Bundesregierung  gerade etwas zu viel Angst in diesem Land gibt, zu viel Angst, die leider manchmal in Panik oder in Hass umschlägt, Angst vor Flüchtlingen und Ausländern zum Beispiel, bei der Menschen am Ende durchdrehen, in den Untergrund gehen oder zum Unister oder Prepper werden oder anfangen, wahllos Leute auf der Straße zu erschießen. Das wollen wir nicht“, Horst Seehofer hält kurz inne und blickt in die 40köpfige Expertenrunde, die sich im Sitzungssaal des neugegründeten Deutschen-Angst-Ministerium versammelt hat. Dann schaut er aus dem Fenster rüber zum Brandenburger Tor und seufzt. „Und jetzt kommt auch noch Corona dazu! Wir sind hier echt am Ende unseres Lateins! Was wir jetzt brauchen ist radikales Brainstorming, meine Damen und Herren.“

Und Jens Spahn nickt eifrig und ergänzt: „Und genau dafür haben wir Sie hier heute unter strengster Geheimhaltung nach Berlin eingeladen. Denn Sie alle sind ausgewiesene Spezialisten in Sachen Angstbewältigung – und zwar mit ganz unterschiedlichen Methoden, was wir für dieses Brainstorming hier heute total wichtig finden. Und wir begrüßen Sie hier also alle ganz gleichberechtigt nebeneinander, liebe Angsttherapeutinnen, Yoga-Lehrerinnen, Mentalcoaches, Reiki-Spezialistinnen, Vertreter der Pharmaindustrie, Naturheilpraktikerinnen, Yin-YANG-Akupunkteurinnen und liebe Schamaninnen und Schamanen. Und nun erwarten wir mit Spannung Ihre Ideen zur Bewältigung von German Angst im Jahr 2020.“

Jens Spahn schaut auffordernd in die Runde. Sein Blick bleibt schließlich bei meiner psychoanalytischen Therapeutin Natascha-Lou Salomé hängen und dann natürlich bei mir, der ich neben ihr sitze. Fuck, denke ich, worauf habe ich mich da nur eingelassen, und ich bereue den Moment, als Natascha-Lou mich heute Morgen aus dem Schlaf gerissen und überredet hat, mein Schamanengeweih aufzusetzen und kurzfristig mit ihr auf Staatskosten per ICE nach Berlin zu fahren!

Aber schon gibt es die erste Wortmeldung. Der Pharmasparten-Chef von Bayer-Monsanto räuspert sich: „Sehr geehrte Herren Minister, ich schlage vor, dass wir angesichts der dramatischen Lage als Erstintervention die gesamte deutsche Bevölkerung für vier Wochen mit einem neuartigen neuroleptischen Angstblocker ruhigstellen. Zum Glück haben wir das dazu benötige Arzneimittel auch gerade in ausreichenden Mengen zur Verfügung. Denn wie Sie wissen, dürfen wir Glyphosat jetzt als Pflanzenschutzmittel in der Landwirtschaft bald nicht mehr einsetzen, was unsere Forschungsabteilung in den letzten Monaten veranlasst hat, mal ein bisschen rumzuexperimentieren, um rauszukriegen, in welchen Bereichen die Überkapazitäten an Glyphosat sonst noch sinnvoll Verwendung finden könnten. Und siehe da: im Laborversuch mit Mäusen zeigte Glyphosat eine dauerhaft stabile sedierende Wirkung.“

„Hm“ murmelt Horst Seehofer und kratzt sich am Kopf, „Und wie stellen Sie sich die Verabreichung des Glyphosats an die Bevölkerung vor?“

„Na, so wie früher“, antwortet der Chef von Bayer-Monsanto, „so wie die Amerikaner damals Agent Orange an die Bevölkerung in Vietnam verteilt haben: mit Flugzeugen! – Einfach großflächig drübersprühen über alle deutschen Städte und Dörfer – am besten mehrmals am Tag – mit den durchgerosteten löchrigen TransAll-Maschinen der Bundeswehr oder zur Not mit Kampfjets.“

„Aber … Aber macht das nicht Kondensstreifen am Himmel“ fragt Jens Spahn etwas zögerlich zurück. „Sie wissen schon: Kondensstreifen am Firmament sieht immer gleich ein bisschen nach Verschwörungstheorie aus und weckt vielleicht neue Ängste in der Bevölkerung und es lässt sich kommunikativ auch nur ganz schlecht vermitteln. Und die Aluminium-Produktion in Deutschland kommt schon jetzt nicht hinterher.“

„Ich bin mehr für Baldrian-Tropfen“, brainstormt ein etwas klein geratener Spezialist für Kräuteressenzen aus dem sächsischen Erzgebirge dazwischen, „Einfach überall ins Trinkwasser mischen das Zeug und ab damit in die Wasserhähne!“

„Hm“ fragt Spahn zurück: „Und wieviel Baldrian-Tinktur bräuchten wir, um die ganze deutsche Trinkwasserproduktion vier Wochen lang angstlindernd umzustellen!“

„Na, so 9 Milliarden Liter sollten genügen, um die größte Panik-Attacken aus der gesamtdeutschen Seele zu schwemmen.“

„Und wieviel Liter haben Sie und Ihre Kräuterkollegen aktuell vorrätig?“

„Na…“, das erzgebirgische Kräutermännlein rechnet im Kopf nach „na vielleicht so 2000 Liter insgesamt.“

Jens Spahn verdreht die Augen. „Weitere Vorschläge?“

„Fliegerschokolade an alle verteilen, wie damals bei Adolf, das hilft immer gegen Angst“, tönt  jetzt der offizielle Gesundheitsexperte der AFD vom anderen Ende des Saales herüber.

Peinlich berührtes Schweigen im Raum.

„Na ja, vielleicht kann ja auch einfach mal nur die Bundeskanzlerin eine beruhigende Fernsehansprache an die Nation halten“ meldet sich die zaghafte Stimme eines Staatssekretärs aus dem Hintergrund.

Seehofer schläft das Gesicht ein. „Quatsch! Wir brauchen was Handfestes!  Die Menschen trauen bloßen Worten nicht mehr. Was soll die Kanzlerin denn überhaupt sagen?“

„Vielleicht die Einführung des bedingungsloses Grundeinkommen ankündigen?!“ schlägt eine soziale Angsttherapeutin vom Paritätischen Wohlfahrtsverband vor.

Seehofer und Spahn rollen die Augen: „Nur realistische Vorschläge bitte, Kollegen!“

Stille im Saal. Alle starren nervös auf die Tischplatte vor sich. Nur Natascha-Lou, die neben mir sitzt, zieht seit fünf Minuten entspannt und meditativ ihren Teebeutel hin und her durch das sich langsam abkühlende Wasser ihrer Teetasse. Und sie fixiert dabei erst Seehofer und dann Spahn. Und schließlich spricht sie in die Stille hinein: „Also, Kollegen, ich hätte da was. Schau‘n Sie her, was halte ich hier in der Hand?“

„Einen … Teebeutel?!“ – antwortet Jens Spahn zögernd.

„Ja, einen Teebeutel! Und was befindet sich am oberen Ende des Teebeutels?“ fährt Natascha-Lou fort, aber sie wartet die Antwort nicht ab: „Ein kleines leicht kartoniertes Stück Papier, ein Stück Papier, auf das man was draufdrucken kann, wenn man will – einen angstauflösenden Satz oder Spruch zum Beispiel – genau mit solchen klug und angstlindernd beschrifteten Teebeuteln könnten wir wirklich die Menschen erreichen – und zwar Körper und Geist gleichzeitig! Denn Tee trinkt jeder, oder jedenfalls fast jeder – und für die, die keinen Tee trinken, machen wir eben Kaffee rein in die Teebeutel. Und dann verteilen wir 80 Millionen davon kostenlos als Placebo an die Bevölkerung. Was da drin ist in den Teebeuteln – ob Baldrian oder Fenchel Anis Kümmel oder Muckefucke – ist letztlich egal. Es kommt vor allem auf die Sprüche an, die auf den Teebeuteln draufstehen. Die müssen knallen, die müssen die Leute voll ins Herz treffen und umhauen und ins Drüber-Nachdenken bringen gleichzeitig. Also nicht wie diese üblichen müden Wellness-Sprüche, die man von den Teebeuteln der deutschen Yogitee-Mafia kennt: ‚Teile dein Glück und werde glücklich!‘ – Diese Art Sprüche liest man bestenfalls und zuckt mit den Schultern und sagt: ‚na ja!‘ und fristet sein kleines angstgeschwärztes Leben trotzdem weiter so wie bisher. – Nein ich meine so echte Sprüche, die das Leben und das mentale Programm von jeder und jedem einzelnen von uns, krass schlagartig verändern, Sprüche über die man mindestens ein Jahr lang permanent nachdenken und meditieren muss, wenn man sie liest, weil sie einen voll aus der Wirklichkeit flashen in ihrer semantischen Tiefe. Und genau dieses permanente Drüber-Nachdenken macht dann die Angst weg. Und der Rest ist wie gesagt Placebo. Und zufällig hab ich unter meinen Klienten den am besten geeignetsten Texter dafür – für diese Art Sinn-Sprüche.  Und ich hab ihn sogar mitgebracht. Er hat das mit der Angstverwandlung wirklich voll drauf, weil er da selbst schon tausendmal durchgegangen ist durch diese German Angst und sie durchlitten hat in seinem täglichen Hirn-Synapsen-Spaghetti aus zu viel Hirschgeweihen, Schamanismus-Karaoke und Kafkaistik.“ – Und Natascha-Lou deutet auf mich und das Geweih auf meinem Kopf, und ich nicke wie hypnotisiert.

Alle um uns rum applaudieren euphorisch.

„Hm“ murmelt Horst Seehofer.

„Klingt gut“ sagt Jens Spahn. „Sie haben drei Tage Zeit, dann müssen sie liefern, sonst nehmen wir doch die Variante mit dem Glyphosat und den zusätzlichen Kondensstreifen am deutschen Himmel.“

 

ZOOM & SCHNITT:

„Natascha-Lou, ich kann das nicht!“

„Du kannst das, Kurt!“

„Ich habe Angst, dass ich versage!“

„Du hast keine Angst, dass du versagst, und wenn doch, dann ist genau diese Angst der richtige Schmierstoff für deine Kreativität!“

Wir sind gerade aus Berlin zurück und stehen im Flur meiner Wohnung.

„So Kurt, und jetzt gib mir deine Schlüssel, ich sperre dich über Nacht hier ein, und wenn ich morgen früh wiederkomme, möchte ich die erste Charge angstauflösender Teebeutelsprüche haben, klar?!“

„Nee, nicht klar“, sage ich, „das alles hier fühlt sich irgendwie wie bei Rumpelstilzchen an, nur dass diesmal ich als Mann die Müllerstochter spielen muss, die nachts eingesperrt wird, damit sie Stroh zu Gold spinnt – und das alles  nur, weil Du, Natascha-Lou, Dich heute bei den Herren Ministern in Berlin mit Deinen Behauptungen über meine Fähigkeiten etwas zu weit aus dem Fenster gelehnt hast.“

„Ach komm schon, Kurt“

„Und was krieg ich dafür?“ frage ich trotzig.

„Ruhm und Ehre des Vaterlands!“

„Das ist nicht dein Ernst!“

„Na gut. Ich muss den Preis erst noch aushandeln, mit Horsti und Jensi, hab ich in der Eile vergessen…“ sagt Natascha-Lou.

„Das ist nicht dein Ernst.“

„Doch!“

„Dann mache ich es nicht! – für lau mach ich es einfach nicht!“

„Ach komm Kurt, gib dir einen Ruck!“ Und Natascha-Lou streicht mir wie beiläufig durch mein wirres Haar. Das wirkt fast immer, aber heute nicht, weil: ich schmolle noch immer, oder ich tue wenigstens so, als ob ich schmolle. Und Natascha-Lou überlegt also kurz und sagt dann: „Also gut, wenn du jetzt drei Nächte lang dein wirres poetisches Schamanen-Stroh im Gehirn für mich zu Gold spinnst, darfst du mich anschließend fragen, ob du mich heiraten darfst.“

Wie kitschig denke ich und sage: „Na gut, abgemacht!“

Und schon drückt mir Natascha-Lou eine mannshohe Großpackung mit unbeschrifteten Billigkräuterteebeuteln von Aldi in den Arm und sperrt mich in meiner Wohnung ein – ohne Handy und WLAN-Router, die sie mir kurz vorm Verlassen der Wohnung noch abgenommen hat. „Damit Du Dich nicht ablenkst!“ ruft sie mir noch durch die schon geschlossene Tür hindurch zu.

Die ganze Nacht über durchforste ich meine schamanistischsten Lesebühnentexte der letzten Jahre nach irgendwelchen krassen angstauflösenden Sätzen, die ich auf die Teebeutel-Zettel schreiben kann. Am nächsten Morgen halte ich Natascha-Lou, als sie die Wohnungstür öffnet, ebenso erschöpft wie unsicher zehn fertige Teebeutel vor die Nase:

„Na dann lies mal vor!“ sagt sie.

„Angstauflösender-Teebeutelspruch 1: Man soll sich nicht so wichtig nehmen. Angstauflösender Teebeutelspruch 2: Man soll, wenn es regnet, in den Wald gehen, sich zwischen die Bäume stellen und sich einfach mal nicht so wichtig nehmen. Angstauflösender-Teebeutelspruch 3: Sei deine Eigenschaften – und überstürze alles, denn es ist DEIN Leben und am Ende musst du es dir selber glauben. Angstauflösender-Teebeutelspruch 4: Alles hat seinen wahren Grund irgendwo tief im Wald. Angstauflösender-Teebeutelspruch 5: Wir sind wie Blätter im Wind – wenn der Herbst kommt wehen wir nach Süden – und von Norden treibt Schnee hinterher – How! Angstauflösender-Teebeutelspruch 6: Atmet jetzt!

„ – Danke, reicht Kurt!“ unterbricht mich Natascha-Lou, „Hm, na ja, weiß nicht, geht so vielleicht, wir brauchen auf jedem Fall mehr Sprüche, viel mehr als nur zehn! Bis morgen dann und streng Dich ein bisschen mehr an, diese Nacht!“ – Und Natascha-Lou schiebt mich zurück in die Wohnung und schließt die Tür wieder von außen ab.

Ich verpenne den ganzen Tag und da mir auch nach dem Aufwachen in dieser Kreativitätsquarantäne hier nichts eigenes mehr einfällt, durchforste ich die nächste Nacht meine sämtlichen Bücherregale nach den angstabweisendsten Sinnsprüchen meiner Lieblingsschriftsteller. Als Natascha-Lou am kommenden Morgen in der Wohnung erscheint, habe ich hundert neue Teebeutel mit Sprüchen versehen und beginne gleich, sie ihr vorzulesen:

„Angstauflösender-Teebeutelspruch 11: Man muss erst einige Male sterben, um wirklich leben zu können. (Charles Bukowski) / Angstauflösender-Teebeutelspruch 12: Dass unsere Aufgabe genauso groß ist wie unser Leben, gibt ihr einen Schein von Unendlichkeit. (Franz Kafka) / Angstauflösender-Teebeutelspruch 13: Der strategische Gegner ist der Faschismus …. der Faschismus in uns allen, in unseren Köpfen und in unserem Alltagsverhalten … der Faschismus, der uns dazu bringt, die Macht zu lieben, genau das zu begehren, was uns beherrscht und ausbeutet. (Michel Foucault) / Angstauflösender-Teebeutelspruch 14: Wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zu Grunde gehen. (Friedrich Nietzsche) /  Angstauflösender-Teebeutelspruch 15: Die Forderung, die Illusionen über seinen Zustand aufzugeben, ist die Forderung, einen Zustand aufzugeben, der der Illusionen bedarf. (Karl Marx) …“

„ – Halt, das reicht Kurt! … – Ich weiß nicht… Das klingt ja alles ganz schön, aber ob das Spahn und Seehofer überzeugen und von ihrer persönlichen German Angst erlösen wird, ob das also wie versprochen bei denen echt reinknallt, weiß nicht so recht. Ich glaube wir brauchen auch noch ein paar angstabweisende Teebeutelsprüche in – ich sag‘ jetzt mal: »einfacher Sprache«, wenn du verstehst, was ich meine?! – Und am besten tausend davon!“

Und Natascha Lou sperrt mich ein drittes Mal ein, damit ich mein mentales Stroh zu Gold spinne. Aber ich bin leer und auch meine Bücherregale sind inzwischen leer – zumindest was das Anforderungsprofil von Natascha-Lous Aufgabe betrifft. Und ich irre in dieser letzten Nacht durch die Wohnung auf der Suche nach Texten in einfacher Sprache, mit deren Hilfe ich Horst Seehofer und Jens Spahn und überhaupt das ganze deutsche Volksvolk kommunikativ erreichen und von all ihren Ängsten erlösen kann. Nach einer Sprache und Textsorte, die einfach »quadratisch, praktisch, deutsch« wäre und zugleich krass philosophische Tiefe hätte. Und der Morgen dämmert bereits, und ich bin verzweifelt, da gerät mir beim Kramen im hintersten Winkel meines Küchenregals die 212seitige Hardcover-Bedienungsanleitung für meinen Miele-Stausauger aus dem Jahr 1992 in die Hand. Und wie im Corona-Fieber schlage ich das Buch auf. Und tatsächlich: schon der erste Satz, den ich lese, elektrisiert mich, denn er atmet zugleich technische Präzision und zugleich unendlich metaphysische Tiefe:

Angstauflösender-Teebeutelspruch 111: Der Hersteller haftet nicht für eventuelle Schäden, die durch nicht bestimmungsgemäßen Gebrauch oder falsche Bedienung verursacht werden. – Ein existentieller Satz so praktisch und so abgründig metaphysisch gleichzeitig wie das ganze eigene Leben, ein Satz über den man sein ganzes kleines deutsches Leben lang nachdenken und sich bei allen Entscheidungen im Alltag richten kann, German-Angst-auflösungstauglich – wie fast alle weiteren 1000 Sätze dieser Bedienungsanleitung, die ich nun in den nächsten 3 Stunden abschreibe und auf 1000 neue Teebeutel-Zettel  kritzele. Bis Natascha-Lou die Tür aufschließt.

„Na dann lies mal vor!“ sagt sie und schaut mich erwartungsfroh an.

„Angstabweisender Teebeutelspruch 112: Der Staubsauger darf nicht benutzt werden für: das Absaugen von Menschen oder Tieren. Angstabweisender Teebeutelspruch 113: Keine brennbaren oder alkoholhaltigen Stoffe auf die Filter geben. Teebeutelspruch 114: Beim Vorliegen einer Störung Netzstecker ziehen. Angstabweisender Teebeutelspruch 115: Die Gebrauchsanweisung bitte aufbewahren. Angstabweisender Teebeutelspruch 116: Sofern sie keine Substanzen enthalten, die für den Hausmüll verboten sind, können Sie über den normalen Hausmüll entsorgt werden. Angstabweisender Teebeutelspruch 117: Bei mehrstündigem Dauerbetrieb Netzanschlusskabel vollständig ausziehen. Angstabweisender Teebeutelspruch 118: Vermeiden Sie das Saugen mit Handgriff, Düsen und Rohr in Kopfnähe…

„… O.k. Kurt, das reicht! – Schnapp dir deine Teebeutel, wir nehmen dem nächsten Zug nach Berlin.“

 

ZOOM & SCHNITT:

Natascha-Lou und ich sitzen wieder im Konferenzsaal des Bundes-Angst-Ministeriums. Dieses Mal aber allein Jens Spahn und Horst Seehofer gegenüber. Zwischen uns die Kiste mit den 1111 Anti-Angst-Teebeuteln unserer ersten Prototyp-Serie.

Natascha-Lou hält den beiden Ministern die offene Kiste aufmunternd entgegen: „Ziehen Sie sich jetzt einfach mit geschlossenen Augen ihren ganz persönlichen Teebeutel aus der Anti-Angst-Kiste. – So. – Augen wieder auf. Tun Sie den Teebeutel jetzt in die Tasse mit dem heißen Wasser vor Ihnen und schwenken ihn zwei, drei Minuten ganz meditativ hin und her. So und jetzt lesen sie den Spruch auf dem Teebeutel laut vor und schön mit Betonung! – Herr Seehofer, Sie beginnen!“

Und wie unter Hypnose deklamiert Horst Seehofer jetzt tatsächlich das ultimative persönliche Anti-Angst-Mantra für sein ganzes weiteres Leben: DOPPELPUNKT: „Es ist möglich, dass nicht alle beschriebenen Ausstattungsmerkmale und Funktionen auf Ihr Modell zutreffen.

Und mit noch mehr deklamatorischem Pathos in der Stimme liest anschließend Jens Spahn seine eigene Angstbewältigungsformel in Staubsauger-Sprech vor: „Sie sollten nur das Original Zubehör vom Hersteller verwenden, das speziell für Ihren Staubsauger entwickelt wurde, um das bestmögliche Saugergebnis zu erzielen.

Und Natascha-Lou lächelt und sagt: „Merken Sie, wie es wirkt?“

Und Horst und Jens nicken wie betäubt, und ich glaube, ich darf Natascha-Lou dann also heute Abend die entscheidende Angst-Frage ihres oder meines Lebens stellen. Mal sehen, wie sie antwortet.

 

 

Interview zur „!MACHTÜBERNAHME!“

Am 1. September 2019 findet um 19.30 Uhr im Salon des Noch besser leben in Leipzig-Plagwitz die: „!MACHTÜBERNAHME!“ statt. Eine „Show Down Poetry & Trauma-Salon zur Landtagswahl“ mit Kurt Mondaugen, Hauke von Grimm (Lesebühne Schkeuditzer Kreuz), Thomas Hoffmann (slippery-slopes.de) u.v.a

Im Vorfeld gab Kurt Mondaugen dem Leipziger Stadtmagazin FRIZZ dazu folgendes Interview:

NORDEN

FRIZZ: Lieber Kurt Mondaugen, Sie wollen zusammen mit Mitstreitern am Wahlabend „die politischen Realitätstraumata dieses Landes“ bearbeiten, philosophieren und waghalsige Visionen zur Gegenmachtergreifung entspinnen. Teils rhetorisch gefragt: Was sind denn die vielen Realitätstraumata dieses Landes? Geht es nur um Sachsen?

KURT MONDAUGEN: „Sachsen“ ist natürlich nur eine Metapher – und klar ist es überall: in Deutschland, in der Welt und auch ein bisschen in jedem von uns selbst innen drin: allgemeines Unbehagen, Heimatsuchimpulse, Fake News, das Gefühl von Ungerechtigkeit oder realer Ungerechtigkeit, Angst vorm Anderen, etwas mehr Angst vorm Anderen (Hass), Gewalt, Verschwörungstheorien, Zynismus, die Frage: Wer spricht hier eigentlich? In wessen Namen? Zu welchen Zwecken? Wer ist das Volk?  Und: Habe ich mein Herz verloren? Und warum beginnt erst jetzt die Erkenntnis durchzusickern, dass das Märchen vom unbegrenzten ökonomischen Wachstum wirklich nur ein Märchen ist – auf einem begrenzten Planten jedenfalls?!

FRIZZ: Ist an einem solchen Abend nicht ein zünftiges Besäufnis ratsamer?

Kurt Mondaugen: Ich denke, jeder muss da seinen eigenen Weg gehen… und die Bar des Noch besser leben ist jedenfalls ja am 1. September auch für alle geöffnet. Was das Verhältnis von exzessivem Saufen und politischer Emanzipation angeht, so scheint mir das Verhältnis allerdings – sagen wir mal – durchaus ambivalent. Letzten November habe ich im Noch besser leben zum Beispiel einen Salon zum Thema „Demokratie und/oder Revolution?!“ veranstaltet. Wie das Ganze damals unter dem Einfluss von reichlich Bier und Wodka krass ausgeufert ist, kann man unter dem Stichwort „DIE MACHTFRAGE“ auf meinem „LeipzigNirwana“-Wordpress-Blog nachlesen.

FRIZZ: Unter ihrem bürgerlichen Namen Rainer Totzke arbeiten Sie ja auch noch als Philosoph und (mit-)organisieren zum Beispiel das Festival [soundcheck philosophie]. Den Philosophen in Ihnen möchte jetzt noch einmal etwas ernsthafter befragen: Bei welchen Philosoph_innen, ob nun verstorben oder lebend, ob nun prominent, medial vermittelt oder nicht, sind denn Visionen, nennen wir sie Utopien, für eine globalisierte Welt inmitten der Klimakrise zu holen?

MONDAUGEN: Als Philosoph tue ich mich mit „Visionen“ schwer. Visionen können ja denkfaul machen, wenn man ihnen nur hinterherrennt. Man braucht aber Urteilskraft für die meisten Dinge und das denkerische „Durchgehen“ durch die Sachen, das dialektische Betrachten von verschiedenen Seiten, um nicht allzu schnell und kurz gedachte „Lösungen“ zu präsentieren. Wahrheit ist werdende Konstellation hat Adorno mal gesagt. Was das Politische angeht, so haben mir persönlich zuletzt z.B. mal wieder Hans Jonas, Hannah Arendt und Richard Rorty geholfen, die Ideen von Verantwortung, Demokratie, Gerechtigkeit und dessen worauf es im Leben ankommt, besser zu verstehen – und natürlich der Dalai Lama: „Die wirkliche Essenz des menschlichen Wesens ist die Güte. Es gibt noch andere Qualitäten, die sich aus der Erziehung, dem Wissen ergeben, aber wenn man wahrhaft ein menschliches Wesen werden und der eigenen Existenz einen Sinn geben will, dann ist es essenziell, ein gutes Herz zu haben.“

FRIZZ: Ein Leipziger Philosoph namens Sebastian Krumbiegel hat gerade einen Song veröffentlicht, der ganz viele Stars und Sternchen einbindet, man findet das Werk „Die Demokratie ist weiblich“ auf Youtube. Wie interpretieren Sie dieses Lied? Stimmt es, auch mit Blick in die Philosophiehistorie, dass die Demokratie weiblich ist?

MONDAUGEN: Wenn die Grundidee von Demokratie darin besteht, dass alle Menschen prinzipiell gleiche Rechte haben und über die Dinge, die sie selbst betreffen auch selbst entscheiden können sollen, dann ist Demokratie selbstverständlich (auch) weiblich! – Genauso wie sie auch trans und queer usw. ist. – Was die Geschichte der Philosophie angeht: Nun ja, historisch gesehen waren – zumindest in der westlichen Tradition – waren die meisten Philosoph_innen erstens Männer, und zweitens waren sie faktisch zumeist eher negativ eingestellt, was die Beurteilung von Demokratie als Staats- und Gesellschaftsform angeht, u.a. weil sie Demokratie unmittelbar mit Populismus in Verbindung gebracht haben. Das beginnt ja schon ziemlich krass bei Platon. Hannah Arendt hat dies einmal kritisch als philosophische Berufskrankheit diagnostiziert: „… die Neigung zum Tyrannischen läßt sich theoretisch bei fast allen großen Denkern nachweisen. Kant ist die große Ausnahme.“ Und selbst Kant, der so unendlich viel für die theoretische Begründung der Ideen von Demokratie und Menschenrechten getan hat, war – wie wir wissen – zeitbedingt selbst nicht vor krasser kultureller Borniertheit gefeit: z.B. in Bezug auf seine Beurteilung der intellektuellen Fähigkeit von Frauen. Insofern verstehe ich den Krumbiegel-Song als Beitrag zur weiteren Auflösung dieser jahrhundertelang gewachsenen kulturellen Borniertheit.

FRIZZ: Letzte Frage an Sie „beide“ – an Rainer Totzke und Kurt Mondaugen: Welche Projekte sind dieses Jahr noch geplant?

MONDAUGEN: Als Philosoph Rainer Totzke will ich bis zum 31. Dezember 2019 natürlich endlich mein großes wissenschaftliches Forschungsprojekt, die Welt im Ganzen zu verstehen, doch noch zum Abschluss bringen – zumindest vorläufig. Als Literat und Schamane Kurt Mondaugen hingegen plane ich gerade zusammen mit Thomas Hoffmann von „slippers slopes“ eine neue Lesebühne zu gründen – Arbeitstitel: „Klub der Populisten“. Bei der wollen wir zu jeweils einzelnen brennenden Themen der Gegenwart nicht nur verstörende Texte vorlesen, sondern das Publikum salonmäßig in waghalsige Kommunikations- und Interaktionsexperimente zur Lösung der großen Welt- und Selbst-Probleme verstricken. Und ansonsten bin ich ja seit 11 Jahren einmal monatlich freitagabends mit der Lesebühne Schkeuditzer Kreuz on Tour – ab jetzt (13.9.) in Halle A des Werks 2 am Connewitzer Kreuz.

 

 

Spätsommergefühl

wir machten bienen aus unseren körpern

Und als wir den Bienen ein neues Zuhause gaben

mit unseren Körpern

Ein neues zu Hause gaben

Und sie in uns hineinfliegen ließen

Und sie in uns hineinstechen ließen

Und kleine anaphylaktische Schocks auslösen ließen in uns

Um unsere Körper zu testen

Bevor noch der Winter kommt

Oder um unsere Eltern zu testen

Bevor noch der Winter kommt

Und wie sie darauf reagieren würden

wenn unsere Arme und Beine und Körper plötzlich

anzuschwellen begännen

wenn wir wie riesige anaphylaktische Ballone würden

die hinaustrieben bis in die Stratosphäre

und das Wetter beeinflussten

und das Klima beeinflussten

beim Durchstoßen der Cumuluswolken

mit ganz viel Bienen in uns drin

die wir retten wollten

vor Glyphosat, Bayer und Monsanto

oder dem Winter

der kommen wird

mit Apis C200

und diesem Gedicht

summ summ summ, summen wir

in uns drin

vor dem Bienensterben