Archiv für den Monat Februar 2014

PARANOIA oder: Was geschah wirklich beim 1. Schamanismus-Festival in der Wärmehalle Süd? – Fünf Versionen gelebter Wirklichkeit

Bild

Es gibt inzwischen mindestens fünf verschiedene historisch ungesicherte Versionen der Geschehnisse am Abend des 25. Februar in der Wärmehalle Süd/Leipzig-Connewitz und ihr könnt hier darüber diskutieren, welche davon die realistischste ist (und die ist es dann garantiert schon mal nicht) – und welchen Nutzen und Nachteil überhaupt irgendeine Wahrheit über den Schamanismus für das Leben hat.

Ich beginne mit Version 1

Version 1) ist die LVZ-Version des Festivals. sie trägt die Überschrift: DIE LVZ KAM UND WAR DA und alles Weitere steht zum Nachlesen in der Ausgabe vom 27. Februar.

 

Die Version 2) der Wahrheit übe das Schamanismus-Festival trägt die Überschrift: ES KAM NIEMAND

Die Version geht so – ich zitiere aus dem Protokoll:

20.30 Uhr: Es soll beginnen aber niemand vom Publikum ist da

21.15 Uhr: Meine Kollegin, die Musikerin Simone Weißenfels baut ihre Musikanlage wieder ab und fährt mit dem Taxi nach Hause.

21.45 Ich versuche eine Erklärung für das alles zu finden, aber es gibt keine Erklärung. was gleichzeitig der erste Kerngrundsatz des Schamanismus ist.

22.05 Zwei Leute in Sicherheitdienst-Lederjacken kommen in die Wärmehalle, holen sich zwei Astra und beginnen, Kicker zu spielen, ich darf zugucken und ich spiele: ich sehe was, was du nicht siehst.

22.30 Uhr: Ein Drohanruf des KGB auf meinem Handy: „– So, Kurt, wie du siehst: wir haben alle aus dem Verkehr gezogen, die zu Eurem Festival kommen wollten, und du weißt schon warum! – Das nächste Mal ziehen wir DICH aus dem Verkehr, und zwar endgültig. In Zukunft keine Witze mehr gegen Putin bitte!“

 

Version 3) der Wahrheit über das Schamanismus-Festival trägt die Überschrift: ES KAM WIE ES KAM

Das Protokoll:

20 Uhr: Alle sind schon da und erwarten mit angehaltenem Atem die Ankunft des Ungeheuren. (Es ist ein bisschen wie bei Heidegger im Kunstwerkaufsatz.) Die Luft wird dünn.

20.30 Uhr: Das Festival beginnt. Ich erkläre die Bühne zum White Cube für unkontrollierte  schamanistische Handlungen und fordere das Publikum auf, mit eigenen thematischen Beiträgen nach vorn zu kommen. Martialisches Schweigen. Nach 4,33 Stille hat eine Frau Erbarmen und zerrt einen großen unerklärlichen Gegenstand auf die Bühne. Sie hat ihn aus dem Nachlass von Einstein oder Wittgenstein oder Eisenstein geerbt wie sie sagt – eine Filmkulisse des Panzerkreuzers Potemkin – und sie kann sich das alles nicht erklären, und alle Anwesenden versuchen, sich in die Relativitätstheorie der Sprache oder des Kapitals oder der russischen Revolution von 1905 hineinzudeuten wie im wirklichen Leben alle Möglichkeiten im Bauch vor sich hin zu sprechen, die Welt zu verbessern oder alles so zu lassen wie es ist. Aber der Kopf kann das nicht lösen, sagt die Frau nach weiteren 4,33 und geht von der Bühne.

20.44 Uhr: Ein Japaner stolpert unvermittelt von draußen in die Wärmehalle und direkt auf die Bühne. Er sagt, er sei Forschungsingenieur bei Tepco und hält zwei fette radioaktive Metalltrümmer aus dem dritten zerstörten Abklingbecken von Fukushima in die Luft er und murmelt: „Unerklärliche Dinge – Bin ich hier richtig?“  und dann fragt er noch: „Wie konnte das bloß passieren?“ und schaut in die Runde. Betretenes Schweigen im Raum, Unverständnis dann ein bisschen Gesundheits-Entsetzen. Der Raum leert sich wie durch Zauberhand. Der Japaner überreicht mir feierlich seine beiden Souvenirs und geht ebenfalls ab. Ich stehe mit den Metallstücken da und strahle.

Ablauf nach 21.45 Uhr: dann wie bei Version 2 nur mit der NSA statt KGB und/oder Al quaida.

 

Version 4 trägt die Überschrift:  ES KAMEN DIE RICHTIGEN

Das Protokoll dieser Version:

20 Uhr – wie bei Version 3: Alle sind schon da und erwarten mit angehaltenem Atem die Ankunft des Ungeheuren. Die Luft wird dünn.

20.29 Uhr: Es melden sich drei Männer und vier Frauen bei mir, eine von ihnen ist Natascha-Lou Salomé. Sie sagt, sie seien die sieben wiedergeborenen Schamanen des Augenblicks und würden die Sache jetzt hier mal in die Hand nehmen, weil: ich sei hier nicht wirklich zuständig, weil ich kein Heiler sei, sondern nur eine Projektion ihres Unterbewusstseins.

Schon zünden sie Weihrauch an – Beifuss und Ginster – und beginnen mitten im Raum eine indianische Schwitzhütte zu bauen. Das Mobiliar der Wärmehalle wird unterdessen vor der Tür zu einem Lagerfeuer gestapelt, in dem 12 magische Feldsteine von den Schamanen zum Leuchten gebracht werden. Das Publikum und ich müssen uns nackt ausziehen, in die Schwitzhütte reinrobben und „unseren Gefühlen folgen“, wie Natascha-Lou sagt, während ihre Kollegen einen rotglühenden Stein nach dem anderen zu uns ins Schwitzhüttenwigwam rollen. bevor sie es fest mit einem riesigen Büffelfell verschließen und wir allein mit den unfassbar heißen Steinen hechelnd und schweißüberströmt im Dunkeln sitzen und kurz vorm Kreislaufkollaps Natascha-Lous elektrische Stimme murmeln hören: „Das Unerklärliche des Lebens auszuhalten, das ist der wahre Schamanismus, von dem ich Euch rede wie ein Wald in der Finsternis und die Rolling Stones im Feuer…“ Gegen 2.30 Uhr wache ich aus dem Koma auf. Die anderen Gäste des Abends sind schon verschwunden. Nur die sieben Schamamen stehen noch um meinen nivellierten Körper herum. Ich nehme dann alle mit zu mir nach Hause, sie bringen meine Wohnung in Ordnung, und wir leben da jetzt alle zusammen hinter den Wänden, wo niemand uns folgt. Die Wohnung ist inzwischen neu vermietet.

 

Version 5) Überschrift: ES KAMEN DIE FALSCHEN

Das Protokoll dieser Version

Dr. Mertens und seine Kolleginnen aus der MDR-Sachsenklinik haben eine Sinnkrise, kommen nach den dienstäglichen Dreharbeiten zum Sturztrinken runter in die Wärmehalle Süd, wo gerade Schamanismus-Festival läuft und Dr. Mertens fragte 21.49 Uhr mitten in den Plot: „Was ist eigentlich die Wirklichkeit?“ Und ich sage: „In aller Freundschaft: aber es gibt immer verschiedene Versionen davon.“ – Ich habe Dr. Mertens danach dann nicht mit zu mir nach Haus genommen, und ich muss das auch nicht tun, weil ich regelmäßig meine GEZ begleiche, und das ist da bei GEZ echt schon mit drin, dass man Dr. Mertens und Peter Escher nicht mit zu sich nach Hause nehmen muss, wenn man nicht will, Gott sei Dank!

 

Advertisements

… und so war es wirklich…

Bild

… und so wird es immer sein: undeutliche Fotos, unverständiche Gesten und unerklärliche Gegenstände im Wahrnehmungsraum… Schamanismus, iconic turn & alles eben!

Dank an alle Beteiligten des Abends für das kollektive Einatmen des weißen Rauchs, das Mitsingen der Mantras und das mutige Vorstellen der unerklärlichsten Dinge aus der eigenen Existzenz im persönlichen White Cube of Shamanisms.

Dank an die Festivalpartner: Tungusisches Nationalmuseum Tura und Internationale Schamanistische Vereinigung (IAS) und an die Hauptsponsoren des Abends: AOK und MDR-Sachsenklinik

MDR-Fernsehen überträgt Schamanismus-Festival morgen doch nicht live! – Alternative Heilmethoden auf der Wartebank!

BildSchamanismusfestival-Nachrichtenticker 24.2.2014 / 9.30 Uhr: Nach internen Differenzen hat sich die Sendeleitung des MDR entschlossen, das 1. Schamanismus-Festival am morgigen Dienstagabend doch nicht life aus der Wärmehalle Süd zu übertragen. Intendantin Wille gegenüber der Presse zu den Hintergründen: „Die Schauspieler von ‚In aller Freundschaft’ haben in meinem Büro so bitterlich geweint, weil ihr gewohnter Sendeplatz Dienstagabend für einen Abend wegfallen sollte, da musste ich einfach eingreifen…“ Der mittelfristige Transfer einiger alternativer Heilmethoden aus dem Schamanismus-Festival in die Sachsenklinik werde aber trotzdem weiterhin geprüft. 

Deutsche Leitmedien sortieren Schamanismus-Festival unterschiedlich!

Bild

Ankündigungen sind keine Ankündigungen mehr! – Nach Recherche des SF-Organisationskomitees erfolgte die Ankündigung  des Leipziger Schamanismus-Festivals in der deutschen Presse bisher in folgenden unterschiedlichen Rubriken:

– im Kulturmagazin „Frizz“/Leipzig (Februar 2014): in der Rubrik „Specials“

– im Veranstaltungsheft „Urbanite“/Leipzig, (Februar 2014): in der  Rubrik „Freizeit“

– im „Kreuzer – Das Leipziger Kulturmagazin“ (Februar 2014): in der Rubrik „Literatur“ sowie in der Rubrik „Theater“

– im Deutsche-Bahn-Magazin „Mobil“ (Ausgabe 2/2014) in der Rubrik: „Anders Reisen“

– in der Leipziger Volkszeitung in der Rubrik „Szene“ und aus unerfindlichen Gründen in der Rubrik „Taucha/Schkeuditz“

– auf „Spiegel Online“ in der Rubrik: „Andere Medien“

– in der „Zeit“ (6/2014) in der Rubrik „Chancen“

– in „Psychologie heute“: in der Rubrik „Psychologie heute“

– in “Men’s Health” in der Rubrik „Erotik“

– in “Women’s Health” in der Rubrik „Fashion“

– im ZDF-Kulturmagazin “aspekte” in der Rubrik: “Wetten dass?”