Archiv für den Monat April 2014

12. April – Wie es wirklich war: Fibonaccis Friseur kehrt zurück

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Der optimale Schnitt oder: Fibonaccis Friseur kehrt zurück  

Es ist Frühling und dein Name ist Natascha-Lou Salome, und wir beide liegen halbnackt unter einer unfassbaren Wolke aus halluzinogenen Bärlauchdunst auf einer Lichtung im südlichen Auenwald und kauen Gras oder Bärlauch eben und aus meinem alten Kassettenrecorder scheppert ein Lied von Veronika Fischer aus den 70ern, so wie du es dir gewünscht hat für dieses Retro-Picknick heute morgen:

„Auf der Wiese haben wir gelegen und wir haben Gras gekaut“

… und mir ist, als würde jemand den Begriff der religiösen Erfahrung neu definieren in diesem Moment, und wirklich bricht es plötzlich voll retro aus mir raus: „Ich glaub, ich habe eine Vision!“ – Und durch mich hindurch skandiert es jetzt: „Ich bin ein Hase, den Joseph Beuys in Filz gewickelt und von der Krim mitgebracht hat – was sage ich: ein Hase – ich bin eine ganze Kaninchenpopulation mittlerer Größe, die aus dem Clara-Zetkin-Park herüberschwemmt und durch das Gehirn eines Mathematiker driftet, der diese Kaninchenpopulation errechnet mit seinen ewigen Fibonaccifolgen oder den Kondratjewzyklen des Kapitalismus den optimalen Schnitt erfindet oder der nach dieser optimalen Geschichte sucht zumindest, die alles in sich enthält seit dem Beginn des Universums, eine A-Null-Bibel, wenn man sie nur einfaltet, wenn man sie nur immer weiter endlos einfaltet, von A Null auf A1 auf A2 auf A3 auf A4 auf A5 auf A6 auf Ax – bis das Kleingedruckte dieser Welt sichtbar wird, wirklich sichtbar wird, dass alles Zahl ist wie bei Pythagoras oder dass die Welt nur aus algebraischen Angsträumen besteht oder aus großen Tsunami-Wellen aus irrationalen Zahlen, die herüberschwappen aus dem Meer des mathematischen NICHTS, wo die Weltenesche Yggdrasil steht mit ihren grausamen Wurzeln, die sich nicht in ganzzahligen Brüchen darstellen lassen und zu deren Füßen diese ewigen Hasen oder Kaninchen in ihren Gruben oder in ihrem Bau hocken, man weiß es nicht so genau, und dabei Gras oder Bärlauch kauen jedenfalls und sich ihr Leben rückwärts erzählen in Hasensprache und auf das nächste Wave-Gothik-Treffen warten oder auf die nächste Matheolympiade in ihrer Spezialdisziplin Fortpflanzung – man weiß es nicht so genau – eine einzige Transsubstantion aus Hasen, Formeln und Kaninchen – eine unerwartete animal-mathematische Hostie, die durch mich hindurch geht oder die mich in einen Fuchs verwandelt plötzlich, der im Geisterreich der Schamanen nach all diesen imaginären Hasen oder Kaninchen jagt und sie tötet und damit diese ewige Fibonacci-Folge der Nagetierpopulation unterbricht – ein Stadtfuchs, der mit jedem Biss die Welt aus dem Gleichgewicht bringt bis ein Erdbeben oder ein Karlibeben wirklich einen goldenen Schnitt macht durch die Welt und sichtbar wird, dass in der Mitte der Erde ein Kristall pulsiert oder ein Parabolspiegel, in dessen Brennpunkt mein Gehirn liegt oder eine Vivisektion meines Gehirns wenigstens oder dieses Schwarze Quadrat, das Kasimir Malewitsch mir mit einem unsterilisierten Bärlauch-Messer ins Gehirn tätowiert hat letzte Woche als Mahnmal gegen den goldenen Schnitt und die Kunst neu erfand damit, oder eine Fußnote zu dieser Geschichte wenigstens, die optimal ist, weil sie mich ins Nirwana katapultiert für den Augenblick zumindest, wengleich…“

„Kurt- Ku-hurt! Das ist mir jetzt echt zu krass!“ unterbricht Natascha-Lou meinen epilepsierenden Bewusstseinsprechstrom und sagt, sie könne mir jetzt einfach nicht mehr folgen, Und ich sei diesmal wirklich zu weit abgedriftet, und das mit dem Schamanismus sei ja eine fixe Idee geworden mittlerweile bei mir, sagt sie auch noch, und sie müsse jetzt augenblicklich meine allgemeine Realitätenverwaltung neu justieren: „Realitäten! Kurt – verstehst du, was ich meine: Du brauchst mehr Erdung! Das heißt: Du musst wieder mehr unter ganz normale Menschen, Kurt. Zum Glück ist ja Frühling und da gibt es … – Volksfeste!“

Und schon beamt Natascha-Lou mich mit der nächsten psychedelischen Bärlauchwolke auf den Augustusplatz, wo Radio Leipzig 91,3 gerade zusammen mit dem Kulturreferat der Stadt Leipzig und Reudnitzer Bier eine fette „Frühling – Erwache Mit Uns!“-Homeparty feiert. Hunderte retroaktive DDR-Rentner und einige schwäbische Immobilien-Touristen recken vor einer gigantischen Bühne ihre Bierbecher und ihre tropfenden Thüringer Bratwürste in die Lüfte und skandieren „Vroni Vroni“. Aber Vroni kommt noch nicht, sondern erst André, André von „Andre und die Morgenmädels“, der krassesten Hörfunk-Morgenshow des Universums, die jeden Tag zwischen 3.30 und 13.30 Uhr auf der Frequenz von Radio Leipzig 91,3 durch den Äther channelt. Und nachdem André wie eine heißgelaufene Jinglemaschine 33mal hintereinander „André und die Morgenmädels, merkt Euch das!“, wiederholt hat, tritt sie jetzt wirklich auf die Bühne, nein, nicht eine seiner bekloppten Morgenmädels, sondern ein wirklicher Superstar: man nennt sie die Janis Joplin des Ostens: Veronika Fischer – gefaceliftet und gebrainliftet mit Kruzifix um den Hals und Sonnenbrille, und sie singt „Auf der Wiese haben wir gelegen“,– und hundert brüchige Stimmen grölen zurück: „und wir haben Gras gekaut“. Und die Besatzungen sämtlicher 600 Bierbänke, die den Augustusplatz in diesem Moment zum größten europäischen Open-air-Bierzelt Mitteleuropas verwandeln, beginnen frenetisch mitzuschunkeln. Ist ja Volksfest eben.

Und auch ich sitze wehrlos auf einer der Bierbänke – keine 20 Meter vor der Bühne – und Natascha-Lou ist natürlich verschwunden. Und in meinen rechten Arm hat sich statt dessen ein Mann eingehakt, der, während er euphorisch schunkelt, in einem Akt schriftartistischer Höchstleistung gleichzeitig Text und Melodie des gerade intonierten Liedes auf einem kleinen Zettel mitschreibt und unter jede Note und jeden Buchstaben in kabalistischer Geschwindigkeit Zahlenkolonnen kritzelt. Und ich starre ihn an und er starrt mich zurück an, als der Song endlich zu Ende ist und ein gigantischer Beifallssturm über den Augustusplatz fegt, der sogar den Uniriesen kurzzeitig zum Schwanken bringt. und ich frage: „Was tun Sie da, verdammt?“

Und er sagt: „Ich errechne die Fibonacci-Folge aus diesem Schlager natürlich und den goldenen Schnitt, der sich daraus ergibt für alle Beteiligten und den Veranstalter.“

Und der Mann flüstert, er sei Logenmeister der internationalen Fibonacci-Gesellschaft, die als Geheimloge zur Zeit gerade ihre konspirative Jahrestagung in Leipzig ausrichtet und im übrigen sowohl die wichtigste Beratungsinstitution der Weltbank als auch der deutschen Frisörinnung sei und unter dem Siegel der Verschwiegenheit drückt er mir jetzt einen Zettel in die Hand und raunt: „Kommen Sie doch einfach mal vorbei!“ Und auf dem Zettel steht: „Optimaler Schnitt – Die Leipziger 24h-Ausstellung“ – was sonst? Und dann ist er verschwunden.

Und jetzt stehe ich wirklich hier in dieser 24-Stunden-Ausstellung mit dieser Band, die ich vor drei Tagen gegründet habe – und wir nennen uns „Kurt Mondaugen und die Füchse“ – und wir spielen diesen Protest-Song. Und der Song heißt „Das schwarze Quadrat“ und er handelt von toten Hasen und Kaninchen, die von Füchsen aufgefressen werden, wovon sonst. Und es ist ein Manifest gegen Fibonacci und seine Folgen und gegen die A4-Logik des optimalen Schnitts und gegen den goldenen Kapitalismus natürlich auch, und ich schüttele wie zum Beweis meine Haare dazu, die auch nicht den optimalen Schnitt haben…

und ich hardcore am Ende meinen Liedrefrain ins Mikrofon

„Wir sind Füchse wir sind Füchse

Wir kommen, wir wissen nicht woher,

Wir sind Füchse wir sind Füchse

Und wir sind Fibonaccis Friseur

Wir sind Füchse! Wir sind Füchse

Wir sind Füchse im Zahlensalat

Wir sind Füchse wir sind Füchse

Und unser Herz ist ein schwarzes Quadrat“

Und in diesem Moment kommt wirklich ein Erdbeben von der Südvorstadt herübergezogen, und das Erdbeben bist du, Natascha-Lou: In eine gigantische Seifenblase gehüllt stehst du in der Tür und sagst: „So Kurt, es reicht, jetzt sprich mir einfach nach: ICH BIN NICHT FIBONACCIs FRISEUR !! “

Und tatsächlich: ich spreche dir unwillkürlich nach: „Die Welt ist ein erkenntnistheoretisches Wunder.“ (Ludwig Wittgenstein: Das Schwarze Quadratbuch, § 777)

 

                                                                                                         

Kurt Mondaugen 2014

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24-Stunden-Ausstellung am 12. April 2014 in Leipzig … und Fibonaccis Frisör kehrt zurück

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Performance „Fibonaccis Friseur kehrt zurück” – Allgemeine Transzendenzbehauptung mit Soundelektrik, Film und Textperformation.
Durchführende: Kurt Mondaugen und mspiano  im Rahmen der sechzehnten Leipziger 24h-Ausstellung DER OPTIMALE SCHNITT / Leipzig, Hermann-Liebmann-Str. 88

http://www.24-stunden-ausstellung.de/optimalerSchnitt/

Performancebeginn 19 Uhr