Archiv für den Monat Januar 2015

PEGIDA, PUTIN, PARANOIA – Oder: Man muss mit denen leben, oder? (nach einer wahren Begebenheit)

Seit diesen Tage, irgendwann Anfang 1990, als die Leipziger Montagsdemos immer nationalistischer wurden, und die Fascho-Glatzen aus Grünau und von der Reudnitzer Rechten mit ihren Reichskriegsflaggen vorneweg liefen und für artikulatorische Reinrassigkeit sorgten und zusammen mit dem rechten Mob „Deutschland! Deutschland!“ und: „Rote an die Wand!“ und: „Studenten in die Volkswirtschaft!“ brüllten und nachts unsere schwarz bewohnten Häuser zu überfallen begannen und uns mit Baseballschlägern die Zähne einschlugen und tagsüber Fidschis klatschten im Viertel – seit diesen Tagen betreibe ich mit meinen Jugendfreunden Frank, Arne, Michael und Tom und ein paar anderen Jungs von damals einen linksradikalen Montagsabends-Selbsthilfestammtisch im Hinterzimmer der Anarchistenkneipe „Bakuningewitter“ in Leipzig-Connewitz. Wir nennen es PLENUM oder WELTERKLÄRUNG, was wir da machen, und wir diskutieren seit 25 Jahren jeden Montagabend lauthals, wechselnde Bierflaschen in den Händen, was mit dem System oder Schweinesystem los ist – seit der ersten ursprünglichen Akkumulation des Kapitals, seit Rostock-Lichtenhagen oder der verlorenen deutschen Novemberrevolution 1918 – und was man als nächstes tun müsste, um das zu ändern: Castor stoppen, Geld abschaffen, Hanf anbauen, Grundeinkommen einführen oder eine Polizeistation am KREUZ in die Luft jagen, friedlich natürlich.

Aus irgendeinem Grund sind wir die letzten 25 Jahre lang aber fast immer nur Jungs geblieben an unserem Stammtisch. Unsere gelegentlich wechselnden linksradikalen oder genderradikalen oder ökoradikalen oder spiri-radikalen Frauen oder Freundinnen kamen immer nur je einmal dazu, dann nie wieder. – Und noch heute, wenn ich manchmal zaghaft versuche, meine Freundin Natascha-Lou Salomé zu unserem Kneipen-Diskussionsplenum einzuladen – sagt sie regelmäßig: „Ihr wollt immer nur recht haben, Kurt! – Ist so‘n Männerding – und also Zeitverschwendung!“

Na, ja, denk ich dann nicht weiter drüber nach, ist so’n Frauen-Ding, denke ich höchstens.

Aber jetzt habe ich mit meinen Stammtisch-Genossen sowieso andere Sorgen, bzw. endlich wieder ein richtiges Einsprechthema jeden Montagabend, seit der rechte Mob wieder vorgekrochen kommt, wie damals 1990 und die Faschos wieder mitmarschieren bei Pegida im Tal der Ahnungslosen und neuerdings auch in Leipzig….

Und Tom sagt: „Eh Scheiße jeden Montag oder Mittwoch oder Freitag jetzt diese Gegen-Demos immer, das schaff ich einfach nicht mehr! Ja, diese rechten Arschlöcher, die können jeden Tag demonstrieren, die sind ja sowieso alles nur Arbeitslose, Trinker, Hartzer oder Nazi-Rentner. Normale Leute wie ich dagegen müssen wochentags arbeiten abends – bis acht mindestens, um ihre Familie durchzubringen in diesem Schweinesystem oder wenigstens zum Elternabend gehen von den Kids!“

„Ja, genau“, ergänzt Frank, die Idioten von PEGIDA und LEGIDA werden sich wundern, wenn die eines Tages wirklich ihren Scheiß-Führer wiederhaben und der dann wirklich wieder den Reichsarbeitsdienst einführt, dann können die nicht mehr jeden Montag- oder Mittwoch- oder Freitagabend grölend um die Häuser ziehen – dann sind die nämlich platt vom Rabotten an der Autobahn!“ sagt Frank, „ – Sollte vielleicht Frau Merkel auch mal drüber nachdenken, ob sie da nicht jetzt schon mal so ‘ne Bundesarbeitsdienst-Notverordnung auf den Weg bringen kann für die PEGIDA-Idioten!“

Und Michael sagt: „Also ich denke sowieso, dass das alles Russenkinder sind oder Kinder von Russenkindern oder Enkel von Russenkindern, die von PEGIDA meine ich, deren Mütter oder Großmütter oder Urgroßmütter sind bestimmt 45 alle von den in Dresden einrückenden Russen vergewaltigt worden und davon schwanger geworden, und da hat man sie schon als Kinder als Russenbälge oder Kinder von Russenbälgen gehänselt! – Und da mussten sie natürlich immer so tun, als ob sie ganz besonders richtige Deutsche seien vor den anderen Kids auf dem Schulhof und das Horst-Wessel-Lied auswendig können – sonst gab‘s Dresche!“

Und Frank sagt, dass er da noch eine andere Theorie hätte, was die PEGIDA-Leute angeht – nämlich: „Denen hat einfach wer ins Gehirn geschissen!“

„Ja“, sagt Arne, hat er auch schon von gehört, und dass es Zugvögel wären aus Asien, die mit Vogelgrippe infiziert gewesen seien, ein ganzer infizierter Wildenten-Schwarm aus Japan oder Hinter-Sibirien, der an einem sonnigen Herbsttag 2014 über Dresden erschienen sei und gleichzeitig zusammen in die Gehirne der Dresdener Bürger runtergeschissen hätte, und so 20-30% der Bevölkerung wären davon eben wirklich infiziert worden: PEGIDA – eine spezielle Form von H5N1!

Und ich melde mich und sage, dass das wiederum mit einer anderen Theorie korrespondieren würde, die ich bei Kurt Vonnegut gelesen hätte, einem meiner durchgeknalltesten amerikanischen Lieblingsschriftsteller: „Schlachthof 5“, sage ich, „heißt das Buch, das auch in Dresden spielt – während des Krieges. Und eine von Kurt Vonneguts Hauptfiguren ist darin der Meinung, dass diese Deutschen nur deshalb so Nazi-Dinge gemacht hätten, weil sie schlechte Chemikalien im Kopf gehabt hätten.“

Und Tom sagt: „Apropos Amerikaner. Also ich bin der Meinung, die Amis sollten echt ernsthaft darüber nachdenken, mal wirklich wieder einen Angriff zu fliegen: Montagabends auf die Dresdener Innenstadt, genau in dem Moment, wenn der rechte Mob da wieder lauthals DEUTSCHLAND! rumbrüllt! – Die Dresdener werden‘s sonst nie kapieren!“

Und Michael fügt hinzu: „Oder der Russe soll da wieder einmarschieren oder der Pole, und sie sollten dann die PEGIDA-Deutschen einfach mal ein paar Jahre lang als Menschen zweiter Klasse behandeln – und diese Deutschen müssten dann alle so einen PEGIDA-Stern auf der Kleidung tragen, dürften nicht mehr ins Kino oder ins öffentliche Schwimmbad und auch nicht mehr mit der S-Bahn fahren zum Wandern in die Sächsische Schweiz, höchstens im angehängten Viehwaggon zur Zwangsarbeit ins Zementwerk nach Pirna. Das würde den PEGIDA-Fressen echt helfen bei der Resozialisierung ins Leben, glaub ich…“

Und Arne sagt: „Oder aber es sollte einfach eine riesige malaysische Großraummaschine auf dem Flughafen Dresden-Klotzsche landen – eine A 490 XXL oder so was mit Flugziel Madagaskar und 30000 Stehplätzen an Bord, und wir werden denen von PEGIDA und LEGIDA versprechen, dass das Flugzeug sie dahin bringt, wo Deutschland wirklich noch Deutschland ist und kein einziger Türke jedenfalls wohnt – und aus dem Flugzeugbauch heraus werde dieser Heino „Schwarzbraun ist die Haselnuss“ oder dieser Rennicke singen, und alle PEGIDA- und LEGIDA-Fans werden wie hypnotisiert einsteigen in diese malaysische Flugmaschine. Und wie alle malaysische Flugmaschinen wird das verdammte Ding nach dem Start irgendwann vom Radar verschwinden, so hoffen wir wenigstens, und ins NIRWANA driften – aber vielleicht fliegen sie auch zum Südpol, wo es angeblich dieses Loch unter der Erde gibt, wo Hitler und Goebbels immer noch leben und mit ihren Getreuen nur überwintern, wie man sagt, bis der Klimawandel zu Ende ist auf der dunklen Seite des Mondes und wo sie auf ihre Rückkehr warten… Man weiß es nicht, man weiß es einfach nicht – und der MDR weiß es auch nicht – wozu zahlt man denn eigentlich Rundfunkgebühren, fuck!“, sagt Arne.

Plötzlich: BUMMM!

– Eine EXPLOSION! – Naziüberfall?! – Polizeieinsatz?! – Stattdessen tritt plötzlich Natascha-Lou aus der gegenüberliegenden Wand – lächelnd und schön wie eine tuwinische Geisterbeschwörerin – und auch ein bisschen als Vogel verkleidet natürlich – materialisiert sie sich vor unser aller Augen, und dann klopft sie sich den Staub aus den Federn ihres Umhangs und sagt, sie komme im Auftrag der Internationale Schamanistische Vereinigung und der psychosozialen Beratungsstelle für Langzeitarbeitslose aus Volkmarsdorf auch noch, und sie wolle uns mal EINE verdammte Frage stellen, DOPPELPUNKT: … Wer von Euch kennt denn auch nur EINEN von denen persönlich? EINEN, der da mitläuft bei PEGIDA oder LEGIDA????!“

Tom, Arne, Michael, Frank, ich – Wir sind alle still!

Und Natascha-Lou hypnotisiert uns mit den Worten: „Sprecht mir nach! – Jeder einzelne von Euch: Frieden beginnt in mir!!! Sprecht mir nach: Frieden beginnt in mir!!! Sprecht mir nach: Wenn du alles gelernt hast, was du wissen solltest, steht du am Anfang von dem, was du fühlen solltest. – Khalil Gibran!“ Und dann spricht Natascha-Lou so einen voll krassen Fluch über unsere linksradikale Stammtischrunde aus: „Ihr sollt erst dann wieder einen Satz über diese PEGIDA- oder LEGIDA-Demonstranten sagen, wenn Ihr mal mit einem von denen einen ganzen Monat lang zusammengelebt und einen Monat lang deren soziale Erfahrung geteilt habt.“

Und im Handumdrehen verwandelt sie uns widerstandslos in Faschingsschamanen und mit den Worten: „Finde deinen LEGIDA-Buddy und nimm ihn mit nach Hause!“ beamt sie uns in einem Akt RADIKALER KONFRONTATIONTHERAPIE mitten hinein in den tobenden rechten Mob-Sturm nächsten Mittwochabend auf dem Leipziger Innenstadtring!

Foto_schamanenfasching_Pegida

Als ich dort bin, spüre ich gleich: Es ist wie Montagsdemo Anfang 1990: Friedliche Nazi-Revolution Deutschland: „Deutschland! Deutschland! Deutschland!“ brüllt es um mich rum. Ich habe dieses durchgeknallte Schamanen-Clownskostüm an und fühle mich wie Roberto Benigni in „Das Leben ist schön!“ – zwischen tausend SS-Hooligans und Nazi-Rentnern und anderen seelisch Obdachlosen dieses Landes, und ich zittere am ganzen Leib, und die einzige Art, mit meinem Aussehen und der Überforderungssituation umzugehen ist es, hyperaktiv zu werden, denke ich: „Lassen Sie mich durch, ich bin Schamane! Lassen Sie mich durch, ich bin Schamane!“ schreie ich panisch und versuche mir einen Fluchtweg aus der Menge zu bahnen – und skandiere dabei unkontrolliert auch irgendwelche Hass-Sätze von Nietzsche über die bekloppten Deutschen dazwischen! – Und tatsächlich weicht die Masse blöde glotzend vor mir zurück – bis sich eine Art Türsteher vor mir aufbaut und mit leicht russlanddeutschem Akzent fragt: „Was hast du denn da aufm Kopf, du Schwuchtel!“ –

„Och, das sind nur die Antennen von meinem spirituellen Übertragungswagen sozusagen!“ versuche ich zu deeskalieren!

„Übertragungswagen?! Übertragungswagen?! – He, das Arschloch hier ist von der Lügenpresse!“ Und alle um mich herum verstehen natürlich gleich: „Das Arschloch hier – gebt ihm was auf die Lügenfresse!!!“ Und hundert Fäuste rasen mit Lichtgeschwindigkeit auf mich zu…

Aber in diesem Augenblick hüllt Natascha-Lou mich in einen undurchdringlichen Nebel, so wie das die olympischen Götter mit den durchgedrehten abendländischen Helden im Ost-West-Show-Down-Kulturkampf vor Troja auch immer getan haben, wenn die Dinge aus dem Ruder liefen, – und sie führt mich aus der Kampflinie heraus in einen Hinterhof im Waldstraßenviertel und sagt: „So geht das nicht, Kurt, – du hast das Wesentliche noch nicht kapiert– du kannst hier nicht einfach so provozieren! Das ist nicht deine Bestimmung! Sondern: du sollst, verdammt, deinen persönlichen LEGIDA-Buddy finden, und dann lade ihn zu dir nach Haus ein und lebe mit ihm zusammen einen Monat lang und versuche, sein LEBEN zu teilen und umzupolen, wenn du es vermagst! – Das ist die wirkliche Heilung! – Sprich mir nach: Frieden beginnt in mir!

„Frieden beginnt in mir!“, nuschele ich und Natascha-Lou schleift mich mit als Löffelausgeber zu ihrer mobilen vegetarischen Bio-Suppenküche, die sie zusammen mit der rematerialisierten neon-leuchtenden FEINKOST-Löffelfamilie am Rande des Augustusplatzes betreibt – genau zwischen den Fronten von LEGIDA und NOLEGIDA und der Polizei. Und alle holen sich bei ihr in den nächsten Stunden in den Kampfpausen der Straßenschlacht was Warmes zu essen und irgendwann kommt auch ein Lokisten-Hooligan vorbei, den Arm zum Führergruß ausgestreckt – und grinst und fragt, ob wir nicht noch ‘ne ordentliche Bockwurst dazu hätten zu der Suppenplärre. Und ich sage, dass er sich mal nicht so haben solle – und Hitler sei nun mal schließlich auch Vegetarier gewesen und gegen Gentechnik im Essen sowieso, und ich überreiche ihm Suppe und Löffel mit ironischem Führergruß und Hackenzusammenschlagen. Und der Lokist grinst und sagt: „Gut gemacht, Volksgenosse! Ich heiße Kevin!“

Und Natascha-Lou sagt: „Na, da haben wir es doch – das passt doch zwischen Euch!“ Und sie versetzt Kevin und mich zusammen in Tiefenhypnose, so dass wir automatisch nicken und unsere Kontaktdaten austauschen und am nächsten Tag zieht Kevin wirklich bei mir ein!

Meine Kinder Oskar (8) und Jette (12) nehmen den neuen Mitbewohner, der jetzt immer auf der Küchencouch schläft mit skeptischem Interesse zur Kenntnis. Kevin ist 23, arbeitet in einer Metallbude im Osten, muss jeden Morgen halb sechs raus und hat dann immer viehisch schlechte Laune, wovon wir alle aufwachen und genervt die Bettdecke über unsere Köpfe ziehen. „Linkes Pack, pennt den ganzen Tag“, hören wir ihn dann manchmal fluchen, wenn er kurz nach 6 die Tür zuschmeißt und die Treppe runterpoltert, um den 60er Bus noch zu erwischen, und dann atmen wir durch und stehen selber auf.

Aber es gibt auch Schnittmengen zwischen Kevin und mir, Bier zum Beispiel; ein Bier gleich nach vier zum Beispiel, lerne ich von Kevin, erleichtert ungemein das Überstehen des familiären Vorabendprogramms. Bei der Biersorte müssen wir allerdings einen Kompromiss finden, weil Kevin eigentlich nur Thor Steinar Bier trinkt, aber irgendwann einigen wir uns dann doch auf Sternburg und regionale Nachhaltigkeit.

Und noch ein paar Dinge verändern sich in meiner Wohnung: In allen Zimmern liegen jetzt immer Unmengen angebrochener Chips-Tüten. Der Fernseher läuft im Dauerbetrieb und die Bildzeitung mit den Tagestitten liegt jetzt immer auf dem Klo griffbereit zum Lesen. Meine Kinder finden das alles sehr o.k. Und ich bin zwar etwas genervt, habe aber wie gesagt die Bier-gleich-ab-vier-Entspannungsübung von Kevin übernommen, was die Lage deeskaliert.

Beim Essen kommen Kevin und ich allerdings nur dadurch überein, dass ich es Kevin gestatte in alles, was wir kochen und essen für sich noch ein bis zwei kalte Bockwürste hinein zu schnipseln. Der Tag fängt so mit Bockwurstmüsli am Morgen für ihn an und endet mit indischer Bockwurst-Reispfanne abends. Meine Kinder finden das interessant und beginnen zu konvertieren. „Wer Bockwurst ist, denkt irgendwann auch Bockwurst!“ drohe ich ihnen manchmal, und: „Ich weiß wovon ich rede, ich bin im Osten, im Bockwurstland Sachsen-Anhalt aufgewachsen…!“

Aber Kevin sagt nur: „Aber wer keine Bockwurst isst, wird irgendwann so ne Spacke wie Euer Vater – oder noch schlimmer – der wird Islamist – weil die essen alle kein Schweinefleisch, schon von der Religion her nicht, und irgendwann kriegen sie wegen diesem verdammten Schweinefleisch-und-Bockwurst-Verbot innerlich Nährstoffmangel und Gehirnerweichung, und dann fangen sie an, Flugzeuge zu entführen und Bomben zu schmeißen auf Unschuldige, das wollt ihr doch nicht, Kinder, oder?“ Und meine Kinder nicken, weil das wollen sie wirklich nicht. Und mein ökotrophologischer Sachverstand kollabiert vor so viel argumentativer Evidenz. Scheiß drauf, man muss nicht immer Recht behalten wollen!

Erst als wir am darauffolgenden Montagabend oder Mittwochabend oder Freitagabend zur Demo aufbrechen, kommt es zum ersten ernsthaften Streit, weil ich mit den Kids natürlich zu NOLEGIDA und Kevin natürlich zu LEGIDA auf den RING will und Kevin plötzlich in seeeehr entschiedenem Tonfall sagt: „DIE FAMILIE MARSCHIERT ZUSAMMEN!“

„Äh, wie bitte?“ frage ich.

„DIE FAMILIE MARSCHIERT ZUSAMMEN, klar!?“ wiederholt Kevin und streift schon mal drohend seine Hemdsärmel nach oben.

„Ok“ sage ich, „und wo gehen wir hin?“

„Demokratische Abstimmung, würd ich sagen!“, sagt Kevin, „Kinder, wo wollen wir heute hingehen – zu diesen langweiligen linken multikulturellen Islamschwuchteln in den Seitenstraßen oder zu der krass fetten LEGIDA-Party auf den Ring?“

„Nee!“ rufe ich schnell dazwischen, weil ich mir wegen des Abstimmungsverhalten meiner Kinder nicht mehr wirklich sicher bin: „Nee, Kinder dürfen bei mir prinzipiell bei so was nicht mit abstimmen. Demokratie braucht mündige Bürger. Mein Vorschlag ist: Wir machen es jeden Montag oder Mittwoch oder Freitag abwechselnd, letztes Mal war ich schon bei Euch bei LEGIDA gucken, wenn auch nur kurz, deswegen gehen wir heute alle zusammen mal zu NOLEGIDA und nächste Woche von mir aus dann alle geschlossen zu deinem rechtsradikalen Mob!“

Kevin murrt zwar, aber da er eigentlich auch gegen Kindermitbestimmung ist, weil die ja nach deutscher Sitte eigentlich gehorchen sollten – und zwar ihrem Vater –, willigt er schließlich ein: „O.K. Volksgenosse, aber die sollen mir nicht komisch kommen, diese linken Schwuchteln bei deiner Demo da, heute Abend!“

Aber es kommt ganz anders: Während der NOLEGIDA-Demo lernt Kevin aus unerfindlichen Gründen ziemlich schnell einen radikalen Salafisten aus der Eisenbahnstraße kennen, der früher auch mal deutscher Hooligan war, jetzt aber auf Multikulti-Demos in ganz Deutschland under cover Kämpfer für ein IS-Ausbildungscamp in Syrien rekrutiert. Und Kevin findet das voll krass, „ – weil die reden nicht nur, sondern die machen ja endlich mal wirklich was gegen die Scheiß-Amis und deren Weltherrschaft“, beginnt Kevin in meine Richtung zu argumentieren, als er meine Verwunderung bemerkt. „Und das mit den Frauen, Alter, ist bei denen auch ganz klar geregelt, wer da das Sagen hat, meine ich, der Mann nämlich, Punkt! – Und nicht so ‘ne Gender-Scheiße wie hier, das kennen die nicht. Dass sogar eine Frau Bundeskanzlerin werden kann, sieht man ja, wo sowas hinführt – da wird ein Land total undeutsch am Ende!“

Nur mit Verweis auf das geplante gemeinsame spätabendliche Biertrinken kann ich es gerade noch so verhindern, dass Kevin gleich mit gefälschtem Salafistenpass den nächsten Fernbus nach Berlin-Schönefeld besteigt, wo schon seine RyanAir-Maschine mit Flugziel Mossul wartet.

Nach der Demo bringen wir, Kevin und ich, gemeinsam meine Kinder ins Bett und eilen dann nach Connewitz zur rituellen wöchentlichen-Weltlagebesprechnung ins Hinterzimmer meiner linksradikalen Stammkneipe „Bakuningewitter“, wo schon Arne, Tom, Frank, Michael und die anderen warten. Und alle haben, so wie ich Kevin, ihre eigenen LEGIDA-Buddys mitgebracht, und die heißen natürlich auch alle so Kevin oder Dennis oder Adolf oder Heinrich Himmler, je nach Alter und Radikalisierungsgrad.

Und Natascha-Lou ist auch da, hält gerade einer Vortrag über Karmische Verstrickung und prophezeit ganz sachlich: „Im nächsten Leben werden die ganzen PEGIDA-Demonstranten alle wiedergeboren – und zwar als Bürgerkriegsflüchtlinge aus Syrien oder Afrika, das steht mal fest. Und die am lautesten schreien, die werden dann selber als Boat People mit dunkler Hautfarbe auf einem steuerlos auf dem Mittelmeer treibenden Seelenverkäufer verdursten, verhungern und krepieren, merkt Euch das!“

Aber Arne unterbricht Natascha-Lous Vortrag und sagt, das ihm das mit der Reinkarnation und der karmischen Level-Herabstufung im nächsten Leben jetzt als Argument doch zu billig erscheint. „Wir wissen doch alle gar nicht, was die wirkliche Wirklichkeit ist und was um uns herum wirklich passiert!“ Und während er das sagt, kriegt er so ein leicht irres Flackern in den Augen. Offenbar ist Arne mit seinem persönlichen Buddy Adolf heute zu lange auf der LEGIDA-Demo gewesen und hat sich dabei eine fette Dosis Verschwörungstheorieparanoia eingefangen, denn er fährt in immer eifernderem Tonfall fort: „Es hängt nämlich mit den Kondensstreifen am Himmel zusammen, mit denen sie uns gefügig machen wollen! – Das ist es, was Edward Snowdon wirklich rausgefunden, hat, vorletztes Jahr, worüber aber die verdammte Lügenpresse nicht schreibt, und es ist auch kein Wunder, warum er jetzt in Russland ist, er ist nämlich eigentlich KGB-Agent!“ Und man müsse Putin nur insgesamt besser verstehen, sagt Arne auch noch und starrt erwartungsvoll in unsere Augen.

– Aber die meisten von uns schütteln nur ungläubig mit dem Kopf und räuspern sich.

Und nach einer Weile lege ich Arne meine Hand auf den Unterarm und sage so lakonisch wie möglich: „Und ich arbeite übrigens für den nordkoreanischen Geheimdienst und teste gerade die neu entwickelten ostasiatische Weltverschwörungstheoriedrogen PEGIDA und LEGIDA und habe große Mengen davon ins Leipziger und Dresdener Trinkwasser gemischt, wie Du gerade spüren kannst…“

Aber nur einige im Raum lachen, und auch Natascha-Lou schüttelt nur nachdenklich den Kopf. Dann hält sie plötzlich ihre rechte Hand an die Schläfe und ruft: „Irgendwas geht da draußen vor, kann mal einer von Euch das Radio anschalten!“

Und Tom geht gleich rüber zu dem alten Kofferradio in der Zimmerecke und stellt MDR-Info an. Und dort berichten sie, dass die Russen wirklich gerade in Dresden einmarschiert seien und dass PUTIN höchstpersönlich soeben wieder sein altes KGB-Hauptquartier aus Ostzeiten bezogen habe, und alle Dresdner – egal ob Atheisten, Nazis, Anarchisten; Muslime; Katholiken, Juden, Ukrainer und Evangelen – würden gerade gezwungen, innerhalb von zwei Stunden zum orthodoxen russischen Glauben zu konvertieren.

Aber Arne schüttelt nur mit dem Kopf: „Ein einziges Ablenkungsmanöver diese Putin-Invasionen immer: Krim, Donezk, Dresden – in Wirklichkeit geht es um was ganz Anderes!“

„Ja genau!“ ruft Kevin dazwischen, „Wovon die ablenken wollen ist wirklich was ganz Anderes!“

„Nämlich?“ frage ich zurück.

Und Kevin verkündet im Brustton seiner alten nationalsozialistischen und neuen radikal-salafistischen Überzeugung: „DIE JUDEN TEILEN SICH DIE WELT IN DER ZWISCHENZEIT AUF! Davon soll Putin ablenken!“

„Genau!“ ergänzt wiederum Arne: „Und sogar der NSU war von denen ferngesteuert, obwohl das keiner versteht!“

Und Tom schüttelt den Kopf, sagt dann nachdenklich: „PEGIDA und LEGIDA und NOPEGIDA und NOLEGIDA – vielleicht ist das wirklich alles nur von DENEN DA OBEN inszeniert, und die wollen uns damit wirklich ablenken von irgendwas viel WICHTIGEREM?!“

„– Aber von WAS?“, frage ich entgeistert.

„Von TTIP vielleicht?!“, fragt Frank vorsichtig.

„Aber wer hinter TTIP steht, davon habt Ihr doch alle keine Ahnung, oder? – Aber ich!“, ruft jetzt triumphierend der immer irrer blickende Arne dazwischen und leert sein sechstes Sternburg auf Ex.

„Die Freimaurer vielleicht? Der chinesisches Staatszirkus oder doch die CIA!“ fragt Tom zweifelnd und schüttelt wieder mit dem Kopf: „Man weiß es einfach wirklich nicht. – Und jetzt auch noch der Russeneinmarsch! Die Welt ist mir echt zu komplex mittlerweile!

„Mein Gott sind wir alle verrückt geworden?!“, frage ich.

Und Natascha-Lou nickt, küsst mich auf die Stirn und sagt: „Sprich mir nach, Kurt: Wenn du alles gelernt hast, was du wissen solltest, steht du am Anfang von dem, was du fühlen solltest!“

Und alle starren uns an, weil sie es nicht verstehen… – nur: PEGIDA, PUTIN, PARANOIA!

KURT MONDAUGEN

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Montagabend – Interkulturelle Geisterbeschwörung in Dresden und Leipzig:

Foto_schamanenfasching_Pegida

Da rationale Argumente nicht helfen und die SEELEN der Menschen offenbar nicht erreichen, hat die Internationale Schamanistische Vereinigung (ISA) beschlossen sich einzuschalten. In und ausländische Schaman/innen werden nun am Montagabend ausgestattet mit den Insignien transdiskursiver Geisterbeschwörung ein Street-Art-Heilungsritual durchführen, sich unters VOLK mischen und die Seelen der verbliebenen Teilnehmern von Pegida und Legida emotional umdrehen.