Interview zur „!MACHTÜBERNAHME!“

Am 1. September 2019 findet um 19.30 Uhr im Salon des Noch besser leben in Leipzig-Plagwitz die: „!MACHTÜBERNAHME!“ statt. Eine „Show Down Poetry & Trauma-Salon zur Landtagswahl“ mit Kurt Mondaugen, Hauke von Grimm (Lesebühne Schkeuditzer Kreuz), Thomas Hoffmann (slippery-slopes.de) u.v.a

Im Vorfeld gab Kurt Mondaugen dem Leipziger Stadtmagazin FRIZZ dazu folgendes Interview:

NORDEN

FRIZZ: Lieber Kurt Mondaugen, Sie wollen zusammen mit Mitstreitern am Wahlabend „die politischen Realitätstraumata dieses Landes“ bearbeiten, philosophieren und waghalsige Visionen zur Gegenmachtergreifung entspinnen. Teils rhetorisch gefragt: Was sind denn die vielen Realitätstraumata dieses Landes? Geht es nur um Sachsen?

KURT MONDAUGEN: „Sachsen“ ist natürlich nur eine Metapher – und klar ist es überall: in Deutschland, in der Welt und auch ein bisschen in jedem von uns selbst innen drin: allgemeines Unbehagen, Heimatsuchimpulse, Fake News, das Gefühl von Ungerechtigkeit oder realer Ungerechtigkeit, Angst vorm Anderen, etwas mehr Angst vorm Anderen (Hass), Gewalt, Verschwörungstheorien, Zynismus, die Frage: Wer spricht hier eigentlich? In wessen Namen? Zu welchen Zwecken? Wer ist das Volk?  Und: Habe ich mein Herz verloren? Und warum beginnt erst jetzt die Erkenntnis durchzusickern, dass das Märchen vom unbegrenzten ökonomischen Wachstum wirklich nur ein Märchen ist – auf einem begrenzten Planten jedenfalls?!

FRIZZ: Ist an einem solchen Abend nicht ein zünftiges Besäufnis ratsamer?

Kurt Mondaugen: Ich denke, jeder muss da seinen eigenen Weg gehen… und die Bar des Noch besser leben ist jedenfalls ja am 1. September auch für alle geöffnet. Was das Verhältnis von exzessivem Saufen und politischer Emanzipation angeht, so scheint mir das Verhältnis allerdings – sagen wir mal – durchaus ambivalent. Letzten November habe ich im Noch besser leben zum Beispiel einen Salon zum Thema „Demokratie und/oder Revolution?!“ veranstaltet. Wie das Ganze damals unter dem Einfluss von reichlich Bier und Wodka krass ausgeufert ist, kann man unter dem Stichwort „DIE MACHTFRAGE“ auf meinem „LeipzigNirwana“-Wordpress-Blog nachlesen.

FRIZZ: Unter ihrem bürgerlichen Namen Rainer Totzke arbeiten Sie ja auch noch als Philosoph und (mit-)organisieren zum Beispiel das Festival [soundcheck philosophie]. Den Philosophen in Ihnen möchte jetzt noch einmal etwas ernsthafter befragen: Bei welchen Philosoph_innen, ob nun verstorben oder lebend, ob nun prominent, medial vermittelt oder nicht, sind denn Visionen, nennen wir sie Utopien, für eine globalisierte Welt inmitten der Klimakrise zu holen?

MONDAUGEN: Als Philosoph tue ich mich mit „Visionen“ schwer. Visionen können ja denkfaul machen, wenn man ihnen nur hinterherrennt. Man braucht aber Urteilskraft für die meisten Dinge und das denkerische „Durchgehen“ durch die Sachen, das dialektische Betrachten von verschiedenen Seiten, um nicht allzu schnell und kurz gedachte „Lösungen“ zu präsentieren. Wahrheit ist werdende Konstellation hat Adorno mal gesagt. Was das Politische angeht, so haben mir persönlich zuletzt z.B. mal wieder Hans Jonas, Hannah Arendt und Richard Rorty geholfen, die Ideen von Verantwortung, Demokratie, Gerechtigkeit und dessen worauf es im Leben ankommt, besser zu verstehen – und natürlich der Dalai Lama: „Die wirkliche Essenz des menschlichen Wesens ist die Güte. Es gibt noch andere Qualitäten, die sich aus der Erziehung, dem Wissen ergeben, aber wenn man wahrhaft ein menschliches Wesen werden und der eigenen Existenz einen Sinn geben will, dann ist es essenziell, ein gutes Herz zu haben.“

FRIZZ: Ein Leipziger Philosoph namens Sebastian Krumbiegel hat gerade einen Song veröffentlicht, der ganz viele Stars und Sternchen einbindet, man findet das Werk „Die Demokratie ist weiblich“ auf Youtube. Wie interpretieren Sie dieses Lied? Stimmt es, auch mit Blick in die Philosophiehistorie, dass die Demokratie weiblich ist?

MONDAUGEN: Wenn die Grundidee von Demokratie darin besteht, dass alle Menschen prinzipiell gleiche Rechte haben und über die Dinge, die sie selbst betreffen auch selbst entscheiden können sollen, dann ist Demokratie selbstverständlich (auch) weiblich! – Genauso wie sie auch trans und queer usw. ist. – Was die Geschichte der Philosophie angeht: Nun ja, historisch gesehen waren – zumindest in der westlichen Tradition – waren die meisten Philosoph_innen erstens Männer, und zweitens waren sie faktisch zumeist eher negativ eingestellt, was die Beurteilung von Demokratie als Staats- und Gesellschaftsform angeht, u.a. weil sie Demokratie unmittelbar mit Populismus in Verbindung gebracht haben. Das beginnt ja schon ziemlich krass bei Platon. Hannah Arendt hat dies einmal kritisch als philosophische Berufskrankheit diagnostiziert: „… die Neigung zum Tyrannischen läßt sich theoretisch bei fast allen großen Denkern nachweisen. Kant ist die große Ausnahme.“ Und selbst Kant, der so unendlich viel für die theoretische Begründung der Ideen von Demokratie und Menschenrechten getan hat, war – wie wir wissen – zeitbedingt selbst nicht vor krasser kultureller Borniertheit gefeit: z.B. in Bezug auf seine Beurteilung der intellektuellen Fähigkeit von Frauen. Insofern verstehe ich den Krumbiegel-Song als Beitrag zur weiteren Auflösung dieser jahrhundertelang gewachsenen kulturellen Borniertheit.

FRIZZ: Letzte Frage an Sie „beide“ – an Rainer Totzke und Kurt Mondaugen: Welche Projekte sind dieses Jahr noch geplant?

MONDAUGEN: Als Philosoph Rainer Totzke will ich bis zum 31. Dezember 2019 natürlich endlich mein großes wissenschaftliches Forschungsprojekt, die Welt im Ganzen zu verstehen, doch noch zum Abschluss bringen – zumindest vorläufig. Als Literat und Schamane Kurt Mondaugen hingegen plane ich gerade zusammen mit Thomas Hoffmann von „slippers slopes“ eine neue Lesebühne zu gründen – Arbeitstitel: „Klub der Populisten“. Bei der wollen wir zu jeweils einzelnen brennenden Themen der Gegenwart nicht nur verstörende Texte vorlesen, sondern das Publikum salonmäßig in waghalsige Kommunikations- und Interaktionsexperimente zur Lösung der großen Welt- und Selbst-Probleme verstricken. Und ansonsten bin ich ja seit 11 Jahren einmal monatlich freitagabends mit der Lesebühne Schkeuditzer Kreuz on Tour – ab jetzt (13.9.) in Halle A des Werks 2 am Connewitzer Kreuz.

 

 

Ein Gedanke zu „Interview zur „!MACHTÜBERNAHME!“

  1. Pingback: 1.9.2019 / 19.30 Uhr / NBL / Leipzig: „! MACHTÜBERNAHME !“ – Show Down Poetry & Trauma-Salon zur Landtagswahl – LEIPZIG//NIRWANA – Das Gegenwerk der Welt

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