Archiv für den Monat März 2020

German Angst / Stroh zu Gold spinnen oder: Placebos für alle

Selbsterfahrungsbericht von Kurt Mondaugen – vorgetragen am 11. März 2020 bei der letzten Vor-Corona-Lockdown-Ausgabe der Lesebühne Schkeuditzer Kreuz sowie am 26. März 2020 im Rahmen des Livestreamcamp des Noch besser leben:

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„Herzlich willkommen meine Damen und Herren, wir sitzen hier heute zusammen, weil es aus Sicht der Bundesregierung  gerade etwas zu viel Angst in diesem Land gibt, zu viel Angst, die leider manchmal in Panik oder in Hass umschlägt, Angst vor Flüchtlingen und Ausländern zum Beispiel, bei der Menschen am Ende durchdrehen, in den Untergrund gehen oder zum Unister oder Prepper werden oder anfangen, wahllos Leute auf der Straße zu erschießen. Das wollen wir nicht“, Horst Seehofer hält kurz inne und blickt in die 40köpfige Expertenrunde, die sich im Sitzungssaal des neugegründeten Deutschen-Angst-Ministerium versammelt hat. Dann schaut er aus dem Fenster rüber zum Brandenburger Tor und seufzt. „Und jetzt kommt auch noch Corona dazu! Wir sind hier echt am Ende unseres Lateins! Was wir jetzt brauchen ist radikales Brainstorming, meine Damen und Herren.“

Und Jens Spahn nickt eifrig und ergänzt: „Und genau dafür haben wir Sie hier heute unter strengster Geheimhaltung nach Berlin eingeladen. Denn Sie alle sind ausgewiesene Spezialisten in Sachen Angstbewältigung – und zwar mit ganz unterschiedlichen Methoden, was wir für dieses Brainstorming hier heute total wichtig finden. Und wir begrüßen Sie hier also alle ganz gleichberechtigt nebeneinander, liebe Angsttherapeutinnen, Yoga-Lehrerinnen, Mentalcoaches, Reiki-Spezialistinnen, Vertreter der Pharmaindustrie, Naturheilpraktikerinnen, Yin-YANG-Akupunkteurinnen und liebe Schamaninnen und Schamanen. Und nun erwarten wir mit Spannung Ihre Ideen zur Bewältigung von German Angst im Jahr 2020.“

Jens Spahn schaut auffordernd in die Runde. Sein Blick bleibt schließlich bei meiner psychoanalytischen Therapeutin Natascha-Lou Salomé hängen und dann natürlich bei mir, der ich neben ihr sitze. Fuck, denke ich, worauf habe ich mich da nur eingelassen, und ich bereue den Moment, als Natascha-Lou mich heute Morgen aus dem Schlaf gerissen und überredet hat, mein Schamanengeweih aufzusetzen und kurzfristig mit ihr auf Staatskosten per ICE nach Berlin zu fahren!

Aber schon gibt es die erste Wortmeldung. Der Pharmasparten-Chef von Bayer-Monsanto räuspert sich: „Sehr geehrte Herren Minister, ich schlage vor, dass wir angesichts der dramatischen Lage als Erstintervention die gesamte deutsche Bevölkerung für vier Wochen mit einem neuartigen neuroleptischen Angstblocker ruhigstellen. Zum Glück haben wir das dazu benötige Arzneimittel auch gerade in ausreichenden Mengen zur Verfügung. Denn wie Sie wissen, dürfen wir Glyphosat jetzt als Pflanzenschutzmittel in der Landwirtschaft bald nicht mehr einsetzen, was unsere Forschungsabteilung in den letzten Monaten veranlasst hat, mal ein bisschen rumzuexperimentieren, um rauszukriegen, in welchen Bereichen die Überkapazitäten an Glyphosat sonst noch sinnvoll Verwendung finden könnten. Und siehe da: im Laborversuch mit Mäusen zeigte Glyphosat eine dauerhaft stabile sedierende Wirkung.“

„Hm“ murmelt Horst Seehofer und kratzt sich am Kopf, „Und wie stellen Sie sich die Verabreichung des Glyphosats an die Bevölkerung vor?“

„Na, so wie früher“, antwortet der Chef von Bayer-Monsanto, „so wie die Amerikaner damals Agent Orange an die Bevölkerung in Vietnam verteilt haben: mit Flugzeugen! – Einfach großflächig drübersprühen über alle deutschen Städte und Dörfer – am besten mehrmals am Tag – mit den durchgerosteten löchrigen TransAll-Maschinen der Bundeswehr oder zur Not mit Kampfjets.“

„Aber … Aber macht das nicht Kondensstreifen am Himmel“ fragt Jens Spahn etwas zögerlich zurück. „Sie wissen schon: Kondensstreifen am Firmament sieht immer gleich ein bisschen nach Verschwörungstheorie aus und weckt vielleicht neue Ängste in der Bevölkerung und es lässt sich kommunikativ auch nur ganz schlecht vermitteln. Und die Aluminium-Produktion in Deutschland kommt schon jetzt nicht hinterher.“

„Ich bin mehr für Baldrian-Tropfen“, brainstormt ein etwas klein geratener Spezialist für Kräuteressenzen aus dem sächsischen Erzgebirge dazwischen, „Einfach überall ins Trinkwasser mischen das Zeug und ab damit in die Wasserhähne!“

„Hm“ fragt Spahn zurück: „Und wieviel Baldrian-Tinktur bräuchten wir, um die ganze deutsche Trinkwasserproduktion vier Wochen lang angstlindernd umzustellen!“

„Na, so 9 Milliarden Liter sollten genügen, um die größte Panik-Attacken aus der gesamtdeutschen Seele zu schwemmen.“

„Und wieviel Liter haben Sie und Ihre Kräuterkollegen aktuell vorrätig?“

„Na…“, das erzgebirgische Kräutermännlein rechnet im Kopf nach „na vielleicht so 2000 Liter insgesamt.“

Jens Spahn verdreht die Augen. „Weitere Vorschläge?“

„Fliegerschokolade an alle verteilen, wie damals bei Adolf, das hilft immer gegen Angst“, tönt  jetzt der offizielle Gesundheitsexperte der AFD vom anderen Ende des Saales herüber.

Peinlich berührtes Schweigen im Raum.

„Na ja, vielleicht kann ja auch einfach mal nur die Bundeskanzlerin eine beruhigende Fernsehansprache an die Nation halten“ meldet sich die zaghafte Stimme eines Staatssekretärs aus dem Hintergrund.

Seehofer schläft das Gesicht ein. „Quatsch! Wir brauchen was Handfestes!  Die Menschen trauen bloßen Worten nicht mehr. Was soll die Kanzlerin denn überhaupt sagen?“

„Vielleicht die Einführung des bedingungsloses Grundeinkommen ankündigen?!“ schlägt eine soziale Angsttherapeutin vom Paritätischen Wohlfahrtsverband vor.

Seehofer und Spahn rollen die Augen: „Nur realistische Vorschläge bitte, Kollegen!“

Stille im Saal. Alle starren nervös auf die Tischplatte vor sich. Nur Natascha-Lou, die neben mir sitzt, zieht seit fünf Minuten entspannt und meditativ ihren Teebeutel hin und her durch das sich langsam abkühlende Wasser ihrer Teetasse. Und sie fixiert dabei erst Seehofer und dann Spahn. Und schließlich spricht sie in die Stille hinein: „Also, Kollegen, ich hätte da was. Schau‘n Sie her, was halte ich hier in der Hand?“

„Einen … Teebeutel?!“ – antwortet Jens Spahn zögernd.

„Ja, einen Teebeutel! Und was befindet sich am oberen Ende des Teebeutels?“ fährt Natascha-Lou fort, aber sie wartet die Antwort nicht ab: „Ein kleines leicht kartoniertes Stück Papier, ein Stück Papier, auf das man was draufdrucken kann, wenn man will – einen angstauflösenden Satz oder Spruch zum Beispiel – genau mit solchen klug und angstlindernd beschrifteten Teebeuteln könnten wir wirklich die Menschen erreichen – und zwar Körper und Geist gleichzeitig! Denn Tee trinkt jeder, oder jedenfalls fast jeder – und für die, die keinen Tee trinken, machen wir eben Kaffee rein in die Teebeutel. Und dann verteilen wir 80 Millionen davon kostenlos als Placebo an die Bevölkerung. Was da drin ist in den Teebeuteln – ob Baldrian oder Fenchel Anis Kümmel oder Muckefucke – ist letztlich egal. Es kommt vor allem auf die Sprüche an, die auf den Teebeuteln draufstehen. Die müssen knallen, die müssen die Leute voll ins Herz treffen und umhauen und ins Drüber-Nachdenken bringen gleichzeitig. Also nicht wie diese üblichen müden Wellness-Sprüche, die man von den Teebeuteln der deutschen Yogitee-Mafia kennt: ‚Teile dein Glück und werde glücklich!‘ – Diese Art Sprüche liest man bestenfalls und zuckt mit den Schultern und sagt: ‚na ja!‘ und fristet sein kleines angstgeschwärztes Leben trotzdem weiter so wie bisher. – Nein ich meine so echte Sprüche, die das Leben und das mentale Programm von jeder und jedem einzelnen von uns, krass schlagartig verändern, Sprüche über die man mindestens ein Jahr lang permanent nachdenken und meditieren muss, wenn man sie liest, weil sie einen voll aus der Wirklichkeit flashen in ihrer semantischen Tiefe. Und genau dieses permanente Drüber-Nachdenken macht dann die Angst weg. Und der Rest ist wie gesagt Placebo. Und zufällig hab ich unter meinen Klienten den am besten geeignetsten Texter dafür – für diese Art Sinn-Sprüche.  Und ich hab ihn sogar mitgebracht. Er hat das mit der Angstverwandlung wirklich voll drauf, weil er da selbst schon tausendmal durchgegangen ist durch diese German Angst und sie durchlitten hat in seinem täglichen Hirn-Synapsen-Spaghetti aus zu viel Hirschgeweihen, Schamanismus-Karaoke und Kafkaistik.“ – Und Natascha-Lou deutet auf mich und das Geweih auf meinem Kopf, und ich nicke wie hypnotisiert.

Alle um uns rum applaudieren euphorisch.

„Hm“ murmelt Horst Seehofer.

„Klingt gut“ sagt Jens Spahn. „Sie haben drei Tage Zeit, dann müssen sie liefern, sonst nehmen wir doch die Variante mit dem Glyphosat und den zusätzlichen Kondensstreifen am deutschen Himmel.“

 

ZOOM & SCHNITT:

„Natascha-Lou, ich kann das nicht!“

„Du kannst das, Kurt!“

„Ich habe Angst, dass ich versage!“

„Du hast keine Angst, dass du versagst, und wenn doch, dann ist genau diese Angst der richtige Schmierstoff für deine Kreativität!“

Wir sind gerade aus Berlin zurück und stehen im Flur meiner Wohnung.

„So Kurt, und jetzt gib mir deine Schlüssel, ich sperre dich über Nacht hier ein, und wenn ich morgen früh wiederkomme, möchte ich die erste Charge angstauflösender Teebeutelsprüche haben, klar?!“

„Nee, nicht klar“, sage ich, „das alles hier fühlt sich irgendwie wie bei Rumpelstilzchen an, nur dass diesmal ich als Mann die Müllerstochter spielen muss, die nachts eingesperrt wird, damit sie Stroh zu Gold spinnt – und das alles  nur, weil Du, Natascha-Lou, Dich heute bei den Herren Ministern in Berlin mit Deinen Behauptungen über meine Fähigkeiten etwas zu weit aus dem Fenster gelehnt hast.“

„Ach komm schon, Kurt“

„Und was krieg ich dafür?“ frage ich trotzig.

„Ruhm und Ehre des Vaterlands!“

„Das ist nicht dein Ernst!“

„Na gut. Ich muss den Preis erst noch aushandeln, mit Horsti und Jensi, hab ich in der Eile vergessen…“ sagt Natascha-Lou.

„Das ist nicht dein Ernst.“

„Doch!“

„Dann mache ich es nicht! – für lau mach ich es einfach nicht!“

„Ach komm Kurt, gib dir einen Ruck!“ Und Natascha-Lou streicht mir wie beiläufig durch mein wirres Haar. Das wirkt fast immer, aber heute nicht, weil: ich schmolle noch immer, oder ich tue wenigstens so, als ob ich schmolle. Und Natascha-Lou überlegt also kurz und sagt dann: „Also gut, wenn du jetzt drei Nächte lang dein wirres poetisches Schamanen-Stroh im Gehirn für mich zu Gold spinnst, darfst du mich anschließend fragen, ob du mich heiraten darfst.“

Wie kitschig denke ich und sage: „Na gut, abgemacht!“

Und schon drückt mir Natascha-Lou eine mannshohe Großpackung mit unbeschrifteten Billigkräuterteebeuteln von Aldi in den Arm und sperrt mich in meiner Wohnung ein – ohne Handy und WLAN-Router, die sie mir kurz vorm Verlassen der Wohnung noch abgenommen hat. „Damit Du Dich nicht ablenkst!“ ruft sie mir noch durch die schon geschlossene Tür hindurch zu.

Die ganze Nacht über durchforste ich meine schamanistischsten Lesebühnentexte der letzten Jahre nach irgendwelchen krassen angstauflösenden Sätzen, die ich auf die Teebeutel-Zettel schreiben kann. Am nächsten Morgen halte ich Natascha-Lou, als sie die Wohnungstür öffnet, ebenso erschöpft wie unsicher zehn fertige Teebeutel vor die Nase:

„Na dann lies mal vor!“ sagt sie.

„Angstauflösender-Teebeutelspruch 1: Man soll sich nicht so wichtig nehmen. Angstauflösender Teebeutelspruch 2: Man soll, wenn es regnet, in den Wald gehen, sich zwischen die Bäume stellen und sich einfach mal nicht so wichtig nehmen. Angstauflösender-Teebeutelspruch 3: Sei deine Eigenschaften – und überstürze alles, denn es ist DEIN Leben und am Ende musst du es dir selber glauben. Angstauflösender-Teebeutelspruch 4: Alles hat seinen wahren Grund irgendwo tief im Wald. Angstauflösender-Teebeutelspruch 5: Wir sind wie Blätter im Wind – wenn der Herbst kommt wehen wir nach Süden – und von Norden treibt Schnee hinterher – How! Angstauflösender-Teebeutelspruch 6: Atmet jetzt!

„ – Danke, reicht Kurt!“ unterbricht mich Natascha-Lou, „Hm, na ja, weiß nicht, geht so vielleicht, wir brauchen auf jedem Fall mehr Sprüche, viel mehr als nur zehn! Bis morgen dann und streng Dich ein bisschen mehr an, diese Nacht!“ – Und Natascha-Lou schiebt mich zurück in die Wohnung und schließt die Tür wieder von außen ab.

Ich verpenne den ganzen Tag und da mir auch nach dem Aufwachen in dieser Kreativitätsquarantäne hier nichts eigenes mehr einfällt, durchforste ich die nächste Nacht meine sämtlichen Bücherregale nach den angstabweisendsten Sinnsprüchen meiner Lieblingsschriftsteller. Als Natascha-Lou am kommenden Morgen in der Wohnung erscheint, habe ich hundert neue Teebeutel mit Sprüchen versehen und beginne gleich, sie ihr vorzulesen:

„Angstauflösender-Teebeutelspruch 11: Man muss erst einige Male sterben, um wirklich leben zu können. (Charles Bukowski) / Angstauflösender-Teebeutelspruch 12: Dass unsere Aufgabe genauso groß ist wie unser Leben, gibt ihr einen Schein von Unendlichkeit. (Franz Kafka) / Angstauflösender-Teebeutelspruch 13: Der strategische Gegner ist der Faschismus …. der Faschismus in uns allen, in unseren Köpfen und in unserem Alltagsverhalten … der Faschismus, der uns dazu bringt, die Macht zu lieben, genau das zu begehren, was uns beherrscht und ausbeutet. (Michel Foucault) / Angstauflösender-Teebeutelspruch 14: Wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zu Grunde gehen. (Friedrich Nietzsche) /  Angstauflösender-Teebeutelspruch 15: Die Forderung, die Illusionen über seinen Zustand aufzugeben, ist die Forderung, einen Zustand aufzugeben, der der Illusionen bedarf. (Karl Marx) …“

„ – Halt, das reicht Kurt! … – Ich weiß nicht… Das klingt ja alles ganz schön, aber ob das Spahn und Seehofer überzeugen und von ihrer persönlichen German Angst erlösen wird, ob das also wie versprochen bei denen echt reinknallt, weiß nicht so recht. Ich glaube wir brauchen auch noch ein paar angstabweisende Teebeutelsprüche in – ich sag‘ jetzt mal: »einfacher Sprache«, wenn du verstehst, was ich meine?! – Und am besten tausend davon!“

Und Natascha Lou sperrt mich ein drittes Mal ein, damit ich mein mentales Stroh zu Gold spinne. Aber ich bin leer und auch meine Bücherregale sind inzwischen leer – zumindest was das Anforderungsprofil von Natascha-Lous Aufgabe betrifft. Und ich irre in dieser letzten Nacht durch die Wohnung auf der Suche nach Texten in einfacher Sprache, mit deren Hilfe ich Horst Seehofer und Jens Spahn und überhaupt das ganze deutsche Volksvolk kommunikativ erreichen und von all ihren Ängsten erlösen kann. Nach einer Sprache und Textsorte, die einfach »quadratisch, praktisch, deutsch« wäre und zugleich krass philosophische Tiefe hätte. Und der Morgen dämmert bereits, und ich bin verzweifelt, da gerät mir beim Kramen im hintersten Winkel meines Küchenregals die 212seitige Hardcover-Bedienungsanleitung für meinen Miele-Stausauger aus dem Jahr 1992 in die Hand. Und wie im Corona-Fieber schlage ich das Buch auf. Und tatsächlich: schon der erste Satz, den ich lese, elektrisiert mich, denn er atmet zugleich technische Präzision und zugleich unendlich metaphysische Tiefe:

Angstauflösender-Teebeutelspruch 111: Der Hersteller haftet nicht für eventuelle Schäden, die durch nicht bestimmungsgemäßen Gebrauch oder falsche Bedienung verursacht werden. – Ein existentieller Satz so praktisch und so abgründig metaphysisch gleichzeitig wie das ganze eigene Leben, ein Satz über den man sein ganzes kleines deutsches Leben lang nachdenken und sich bei allen Entscheidungen im Alltag richten kann, German-Angst-auflösungstauglich – wie fast alle weiteren 1000 Sätze dieser Bedienungsanleitung, die ich nun in den nächsten 3 Stunden abschreibe und auf 1000 neue Teebeutel-Zettel  kritzele. Bis Natascha-Lou die Tür aufschließt.

„Na dann lies mal vor!“ sagt sie und schaut mich erwartungsfroh an.

„Angstabweisender Teebeutelspruch 112: Der Staubsauger darf nicht benutzt werden für: das Absaugen von Menschen oder Tieren. Angstabweisender Teebeutelspruch 113: Keine brennbaren oder alkoholhaltigen Stoffe auf die Filter geben. Teebeutelspruch 114: Beim Vorliegen einer Störung Netzstecker ziehen. Angstabweisender Teebeutelspruch 115: Die Gebrauchsanweisung bitte aufbewahren. Angstabweisender Teebeutelspruch 116: Sofern sie keine Substanzen enthalten, die für den Hausmüll verboten sind, können Sie über den normalen Hausmüll entsorgt werden. Angstabweisender Teebeutelspruch 117: Bei mehrstündigem Dauerbetrieb Netzanschlusskabel vollständig ausziehen. Angstabweisender Teebeutelspruch 118: Vermeiden Sie das Saugen mit Handgriff, Düsen und Rohr in Kopfnähe…

„… O.k. Kurt, das reicht! – Schnapp dir deine Teebeutel, wir nehmen dem nächsten Zug nach Berlin.“

 

ZOOM & SCHNITT:

Natascha-Lou und ich sitzen wieder im Konferenzsaal des Bundes-Angst-Ministeriums. Dieses Mal aber allein Jens Spahn und Horst Seehofer gegenüber. Zwischen uns die Kiste mit den 1111 Anti-Angst-Teebeuteln unserer ersten Prototyp-Serie.

Natascha-Lou hält den beiden Ministern die offene Kiste aufmunternd entgegen: „Ziehen Sie sich jetzt einfach mit geschlossenen Augen ihren ganz persönlichen Teebeutel aus der Anti-Angst-Kiste. – So. – Augen wieder auf. Tun Sie den Teebeutel jetzt in die Tasse mit dem heißen Wasser vor Ihnen und schwenken ihn zwei, drei Minuten ganz meditativ hin und her. So und jetzt lesen sie den Spruch auf dem Teebeutel laut vor und schön mit Betonung! – Herr Seehofer, Sie beginnen!“

Und wie unter Hypnose deklamiert Horst Seehofer jetzt tatsächlich das ultimative persönliche Anti-Angst-Mantra für sein ganzes weiteres Leben: DOPPELPUNKT: „Es ist möglich, dass nicht alle beschriebenen Ausstattungsmerkmale und Funktionen auf Ihr Modell zutreffen.

Und mit noch mehr deklamatorischem Pathos in der Stimme liest anschließend Jens Spahn seine eigene Angstbewältigungsformel in Staubsauger-Sprech vor: „Sie sollten nur das Original Zubehör vom Hersteller verwenden, das speziell für Ihren Staubsauger entwickelt wurde, um das bestmögliche Saugergebnis zu erzielen.

Und Natascha-Lou lächelt und sagt: „Merken Sie, wie es wirkt?“

Und Horst und Jens nicken wie betäubt, und ich glaube, ich darf Natascha-Lou dann also heute Abend die entscheidende Angst-Frage ihres oder meines Lebens stellen. Mal sehen, wie sie antwortet.